12
„Verzeihen Sie, meine verehrten Damen, daß ich zu dieſer Stunde und in dieſer Kleidung eintrete. Aber ich bin krank und muß mich ſehr in Acht nehmen.“
Der Anzug dieſes Mannes war wirklich auffallend. Er trug einen langen Schlafrock von geblümtem Zeuge; auf dem Kopfe trug er eine Schlafmütze, die oben überſiel und auf der Spitze eine Troddel hatte; ſein ganzes Ausſehen ſtimmte ſehr wohl mit dem, was er vorhin von ſeiner Kränklichkeit geſagt. Er war nicht volle fünf Fuß groß, alle ſeine Glieder waren ſchwach gebaut, ſein Geſicht länglich, hager und bleich. So ausſtaffirt, unauf⸗ hörlich huſtend, mit den Füßen am Boden hinſchlurrend, als hätte er keine Kraft mehr ſie aufzuheben, in einer Hand ein bren⸗ nendes Licht, in der andern ein Ei, ſah er wirklich aus wie eine Carricatur. Trotz dem aber hatte Niemand bei ſeinem Anblick Luſt zu lachen. In dem unaufhörlichen Zwinkern ſeiner fahlen Augen⸗ lieder, hinter denen ſich zwei kleine, tiefliegende, unheimlich glän⸗ zende Augen verſteckten, lag etwas von der Eule, die das Licht ſcheut; im ganzen Schnitt ſeines Geſichts, in der Krümmung ſeiner Naſe, in dem häufigen unwillkürlichen Zucken ſeiner dün⸗ nen zuſammengepreßten Lippen etwas Kriechendes und doch zu⸗ gleich Verwegenes, etwas Liſtiges und doch zugleich Offenes. Noch aber giebt es keine Wiſſenſchaft, die uns das menſchliche Geſicht genau verſtehen lehrt, und wenn nicht ein beſonderer Umſtand die vier Perſonen dazu angeregt, ſo hätten ſie dieſe Bemerkungen ſchwerlich gemacht und ſich wie gewöhnlich von dem geſchickten Komödianten täuſchen laſſen, der ein Meiſter in der Verſtellungs⸗ kunſt war.
Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, als hätte er ihnen Zeit laſſen wollen, dieſe Bemerkungen zu machen, fuhr er fort:
„Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“
„Was wünſchen Sie, Derues?“ fragte Frau Legrand.
Ein heftiger Huſten, welcher ſeine Bruſt zu zerreißen ſchien,


