112 David Kopperfield.
zwinkern zu:„Trotwood, Sie werden mit Vergnügen hören, daß ich die Denkſchrift vollenden werde, ſobald ich nichts weiter zu thun habe, und daß Ihre Tante die alleraußerordentlichſte Frau in der Welt iſt.“
Wer iſt dieſe gebeugte Dame, die ſich auf einen Stock ſtützt und mir ein Antlitz zeigt, in welchem ſich noch einige Spuren einſtigen Stolzes und ehemaliger Schön⸗ heit finden, welche matt mit einem kläglichen, ſchwach⸗ ſinnigen, verdrießlichen Irren des Geiſtes kämpfen? Sie iſt in einem Garten, und neben ihr ſteht ein biſſig ausſehendes, dunkelhaariges, verblühtes Frauenzimmer mit einer weißen Schramme auf der Lippe. Wollen mal hören, was ſie ſagen.
„Roſa, ich habe den Namen dieſes Herrn vergeſſen.“
Roſa beugt ſich über ſie und ruft ihr zu:„Herr Kopperfield.“
„Freue mich, Sie zu ſehen, mein Herr. Ich be⸗ merke mit Bedauern, daß Sie Trauer tragen. Ich hoffe, die Zeit wird Ihnen gut thun.“
Und ihre ungeduldige Begleiterin zankt auf ſie, ſagt ihr, daß ich keine Trauer trage, heißt ſie mich noch einmal anſehen, verſucht es, ſie zu Vernunft zu bringen.
„Sie haben meinen Sohn geſehen,“ ſagt die ältere Dame,„ſind Sie verſöhnt miteinander?“
Ihre Augen feſt auf mich heftend, legt ſie ihre Hand an ihre Stirn und ächzt. Plötzlich ſchreit ſie mit ſchreck⸗ licher Stimme auf:„Roſa, komm zu mir, er iſt todt!“
Roſa kniet zu ihren Füßen und umſchmeichelt ſie bald, bald zankt ſie auf ſie, indem ſie ihr jetzt ingrim⸗ mig ſagt:„Ich hab' ihn lieber gehabt wie Sie!“— jetzt wieder ſie wie ein krankes Kind in Schlaf lullt. So verlaſſe ich ſie, ſo finde ich ſie ſtets, ſo ſchleppen ſie ihr Leben hin von Jahr zu Jahr.


