Teil eines Werkes 
10. Theil (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

90

David Kopperfield.

danken und Hoffnungen wirbelten durch mein Gemüth, und alle Farben des Lebens wurden zu andern.

Theuerſte Agnes! Du, die ich ſo hoch achte und verehre die ich mit ſolcher Hingebung liebe! Als ich heute hierher kam, meinte ich nicht, daß irgend etwas mir dieſes Geſtändniß abringen könnte. Ich dachte, ich würde es unſer ganzes Leben lang bei mir behalten können, bis wir alt wären. Aber, Agnes, ich habe jetzt eine neuaufgegangene Hoffnung, daß ich Dich viel⸗ leicht einmal anders als Schweſter weit verſchieden von Schweſter nennen darf.

Ihre Thränen ſielen ſchnell hintereinander, aber ſie waren nicht gleich denen, die ſie zuletzt vergoſſen, und ich ſah meine Hoffnung in ihnen ſtrahlen.

Agnes, ſtets meine Führerin und beſte Tröſterin! Wenn Du mehr an Dich und weniger an mich gedacht hätteſt, als wir zuſammen aufwuchſen, ſo würde, glaub' ich, meine gedankenloſe Phantaſie ſich nie von Dir ver⸗ irrt haben. Aber Du warſt um ſo Vieles beſſer als ich, und mir bei jedweder meiner knabenhaften Hoff⸗ nungen und Enttäuſchungen zur Seite, daß es mir zur zweiten Natur wurde, Dir zu vertrauen und auf Dich mich in Allem zu verlaſſen, wodurch das vorherige und größere Gefühl der Liebe, die ich jetzt für Dich empfinde, auf eine Zeit lang in den Hintergrund ge⸗ drängt wurde.

Sie weinte noch immer, aber nicht traurig, ſondern vor Freude. Und ich hielt ſie in meinen Armen, wie noch nie, und wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

Als ich Dora liebte, zärtlich, wie Du weißt, Agnes 3

Ja, rief ſie innig.Ich freue mich, daß ich das weiß.