48 David Kopperfield.
Dich nicht durch meine Vermuthungen beherrſchen laſſen. Du mußt ſie geheim halten. Sie ſind vielleicht ſehr ſchwach. Ich habe kein Recht zu ſprechen.“
„Wenn es ſo ſein ſollte,“ wiederholte ich,„wird mir's Agnes ſchon zu rechter Zeit ſelbſt erzählen. Eine Schweſter, der ich ſo viel Vertrauen erwieſen, wird ſich nicht weigern, mir zu vertrauen.“
Meine Tante ließ ihre Augen ſich von den meinen ſo langſam entfernen, wie ſie dieſelben auf mich gewen⸗ det hatte, und bedeckte ſie nachdenklich mit ihrer Hand. Bald darauf legte ſie die andere Hand auf meine Schul⸗ ter, und ſo ſaßen wir Beide da und blickten in die Vergangenheit, ohne noch ein Wort zu ſprechen, bis wir uns für die Nacht trennten.
Ich ritt früh am Morgen weg nach dem Schauplatze, wo ich als Schulknabe gelebt. Ich kann nicht ſagen, daß ich in der Hoffnung, mich ſelbſt zu beſiegen, ſo ganz glücklich geweſen wäre, ſelbſt jetzt nicht, wo ich die Ausſicht hatte, ſo bald wieder in ihr Antlitz zu ſchauen.
Der mir wohlerinnerliche Weg war bald zurückgelegt, und ich kam in die ſtillen Straßen, wo jeder Stein mir im Gedächtniß war, wie dem Knaben ſeine Schulfibel. Ich ging zu Fuße nach dem alten Hauſe und ging wieder weg, weil mir das Herz zu voll war, um einzutreten. Ich kehrte zurück, und als ich im Vorbeigehen durch das nie⸗ drige Fenſter im Thurmzimmer blickte, wo zuerſt Uriah Heep und ſpäter Mr. Micawber zu ſitzen gewohnt geweſen waren, ſah ich, daß es jetzt eine kleine Wohnſtube und keine Expedition mehr war. Sonſt war das alte ehrſame Haus, was ſeine Reinlichkeit und Ordentlichkeit betraf, noch ganz und gar ſo, wie es geweſen, als ich es
zuerſt geſehen hatte. Ich bat die neue Magd, die mich einließ, der Fräulein Wickfield zu ſagen, daß ein Herr,


