46 David Kopperfield.
beſchäftigt hatten. Es mochten gemilderte Vorwürfe ſein, die mich lehrten, was ich zu lernen verfehlt hatte, als mein jugendlicheres Leben noch ganz vor mir lag, aber es waren doch immerhin Vorwürfe.„Oh Trot,“ ſchien ich meine Tante wiederum ſagen zu hören, und ich verſtand ſie beſſer jetzt—„blind, blind, blind!“ Wir verhielten uns Beide mehrere Minuten lang ſchweigend. Als ich meine Augen erhob, fand ich, daß ſte mich feſten Blickes beobachtete. Vielleicht war ſie der Strömung meiner Empfindungen gefolgt; denn ſo willkürlich dieſelbe auch einſt ihren Weg genommen haben mochte, ſchien ſie mir doch jetzt leichter zu verfolgen. „Du wirſt in ihrem Vater einen alten weißkoͤpfigen
Mann finden,“ ſagte meine Tante,„obwohl einen in
jeder andern Beziehung beſſern Mann— einen dem
Guten wiedergewonnenen Mann. Auch wirſt Du nicht
ſehen, daß er alle menſchlichen Intereſſen und Freuden und Schmerzen jetzt noch mit ſeinem ärmlichen Zoll⸗ maße abmißt. Glaube mir, Kind, dergleichen Dinge müßten ſehr zuſammenſchrumpfen, ehe ſie in dieſer Weiſe abgemeſſen werden könnten.“—
„Allerdings,“ ſagte ich.
„Du wirſt dann ſie ſelbſt,“ fuhr meine Tante fort, „ſo gut, ſo ſchön, ſo erſt, ſo uneigennützig finden, als ſie allezeit geweſen iſt. Wenn ich ein höheres Lob wüßte, Trot, ſo würde ich es ihr ertheilen.“
Es gab kein höheres Lob für ſie, keinen größern Tadel für mich. Oh wie hatte ich mich ſo weit vom Rechten verirrt!
„Wenn ſie die jungen Mädchen, welche ſte um ſich hat, ſo zieht, daß ſie ihr ähnlich werden,“ verſetzte meine Tante mit einem ſolchen Ernſte, daß ſich ſogar ihre Augen mit Thränen füllten,„weiß der Himmel,


