David Kopperfield.
meinen wilden Phantaſten. Ich hatte meine leidenſchaft⸗ liche Zärtlichkeit einem andern Gegenſtande zugewendet, und was ich hätte thun können, hatte ich nicht gethan, und was Agnes mir war, dazu hatten ich und ihr eig⸗ nes edles Herz ſie gemacht.
Beim Beginn der Veränderung, die ſich nach und nach aus mir herausarbeitete, wo ich verſuchte, mich beſſer verſtehen zu lernen und ein beſſerer Menſch zu werden, erblickte ich jenſeit einer unendlichen Probezeit eine Periode, wo ich möglicherweiſe hoffen konnte, den in der Vergangenheit gethanen Mißgriff wieder gut zu machen und ſo geſegnet zu ſein, daß ich ſie heirathen dürfte. Aber im weitern Verlaufe verblich dieſe ſchat⸗ tenhafte Ausſicht und ſchied von mir. Wenn ſie mich damals geliebt hatte, mußte ſie mir um ſo heiliger ſein in der Erinnerung an das Vertrauen, das ich in ſie geſetzt, an ihre Kenntniß meines irrenden Herzens, an das Opfer, das es ihr gekoſtet haben mußte, mir Freun⸗ din und Schweſter zu ſein, und an den Sieg, den ſie gewonnen hatte. Wenn ſie mich aber nie geliebt hatte, konnte ich da glauben, daß ſie mich jetzt lieben werde?
Ich hatte ſtets meine Schwäche im Vergleiche mit ihrer Beſtändigkeit und Seelenſtärke gefühlt und fühlte ſte jetzt mehr und mehr. Was ich auch ihr und ſie mir geweſen ſein konnte, wenn ich ihrer würdiger geweſen wäre vor langen Jahren, ich war es jetzt nicht, und ſte war es nicht. Dieſe Zeit war vorüber. Ich hatte ſie vorbeigehen laſſen und ſie verdientermaßen verloren.
Daß ich in dieſen Kämpfen viel litt, daß ſie mich mit einem Gefühle des Unglücks erfüllten und mir Ge⸗ wiſſensbiſſe verurſachten, und daß ich doch fortwährend empfand, wie es von mir durch Recht und Chre ge⸗ fordert war, daß ich mit Beſchämung den Gedanken
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