Teil eines Werkes 
10. Theil (1850)
Entstehung
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David Kopperfield. 11

Ich kann nicht ſo vollſtändig in das Heiligthum meines eignen Herzens eindringen, um zu wiſſen, wenn ich zu denken begann, daß ich die früheſten und glän⸗ zendſten Hoffnungen deſſelben hätte auf Agnes ſetzen können. Ich kann nicht ſagen, in welchem Stadium meines Schmerzes dieſer Gedanke ſich mit der Ueberle⸗ gung verband, daß ich in meiner unüberlegſamen Kna⸗ benzeit den Schatz ihrer Liebe weggeworfen habe. Ich glaube, es iſt möglich, daß ich dieſen entfernten Gedanken flüſtern gehört habe bei dem frühern unglücklichen Ver⸗ luſte oder Mangel an etwas nie zu Verwirklichendem, den ich gefühlt hatte. Aber der Gedanke kam in meine Seele als ein neuer Vorwurf und eine neue Reue, wie ich ſo traurig und einſam in der Welt gelaſſen war.

Wenn ich zu dieſer Zeit viel mit ihr zuſammenge⸗ weſen wäre, würde ich in der Schwäche, die ſich aus meinem troſtloſen Zuſtande ergab, dies verrathen haben. Dies fürchtete ich auch dunkel, als ich zuerſt den An⸗ trieb fühlte, mich von England zu entfernen. Ich hätte es nicht ertragen können, auch nur den kleinſten Theil ihrer ſchweſterlichen Neigung zu verlieren; und doch würde ich, wofern ich mich verrathen hätte, ein gezwungenes Verhalten hervorgerufen haben, welches zwiſchen uns bisher eine unbekannte Sache war.

Ich konnte nicht vergeſſen, daß das Gefühl, mit dem ſie mich jetzt betrachtete, aus meiner eignen freien Wahl und Haltung hervorgewachſen war; daß wenn ſie mich je mit einer andern Liebe geliebt hatte und ich dachte manchmal, es habe eine Zeit gegeben, wo ſie dies ge⸗ than haben könnte ich ſie weggeworfen hatte. Es half jetzt nichts, daß ich mich gewöhnt hatte, ſie mir in der Zeit, wo wir Beide bloße Kinder geweſen, als ein Weſen zu denken, welches weit entfernt war von