Teil eines Werkes 
10. Theil (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

David Kopperfield.

ich abreiſte, vertiefte und erweiterte ſich ſtündlich. Zuerſt

war es die ſchwerlaſtende Empfindung eines Verluſtes 4 und eines Schmerzes, worin ich wenig andere Dinge 4 zu unterſcheiden vermochte. Stufenweiſe, jedoch kaum merklich, verwandelte ſich dieſe Empfindung in ein hoff⸗ nungsloſes Bewußtſein von Allem, was ich verloren

hatte Liebe, Freundſchaft, Theilnahme; von Allem,

was mir zerſtoben war mein erſtes Vertrauen, meine

erſte Zuneigung, das ganze Luftſchloß meines Lebens;

von Allem, was mir geblieben war eine Trümmer⸗

ſtätte öd und wüſt, weitgeſtreckt rings um mich, un⸗ unterbrochen bis an den dunkeln Geſichtskreis.

Wenn in meinen Kummer ſich Selbſtſucht miſchte, ſo wußte ich dies nicht. Ich trauerte um mein kindi⸗ ſches Weibchen, die ſo jung aus ihrer Blüthenwelt hinweggenommen war. Ich trauerte um ihn, welcher 5 die Liebe und Bewunderung von Tauſenden hätte ge⸗ winnen können, wie er die meine gewonnen hatte vor langen Jahren. Ich trauerte um das gebrochene Herz, welches Ruhe gefunden in der ſtürmiſchen See, und um die wandernden Bewohner der einfachen Häuslich⸗ keit, wo ich dereinſt, als ich noch ein Kind war, den Nachtwind hatte rauſchen hören.

Zuletzt war ich in einen ſo tiefen Trübſinn ver⸗ ſunken, daß ich keine Hoffnung hegte, je wieder her⸗ auszukommen. Ich ſchweifte von Ort zu Ort und ſchleppte meine Bürde mit mir herum. Ich fühlte ihre Laſt jetzt, und ich beugte mich unter ihr, und ich ſagte in meinem Herzen, daß es darin nimmer wieder hell werden würde.

Als dieſer verzweifelte Zuſtand am Schlimmſten war, meinte ich ſterben zu müſſen. Manchmal kam mir der Gedanke, daß ich gern in der Heimat ſterben möchte,