Teil eines Werkes 
13./14. Th. (1845)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

104

der Tod hat die Feſſeln gelöſt, durch die Sie ſich gebunden glaubten.

Ihr Vater iſt nicht mehr. Er blickt jetzt aus einer höheren Sphäre auf eine Tochter herab, die nie ſeiner Liebe unwerth war, und die zu dem einzigen leichtſinnigen Schritt, deſſen ſie ſich im Leben ſchuldig machte, durch Mutterliebe bewogen wurde; er ſtarb, ohne zu wiſſen, in welcher peinlichen Lage Sie ſich befanden; er ſtarb in glücklicher Un⸗ wiſſenheit, mit Ergebung und Glauben. Sein letztes Wort war ein Segen für ſeine Tochter. Die Urſache zum Schweigen iſt jetzt zu Ende. Erlauben Sie mir denn, dem Präſidenten, als einem Mann von Ehre und Verſtand, die ganze Wahrheit zu enthüllen.

Albertine ſah freundlich und dankbar auf ihren Befreier, ant⸗ wortete aber nur mit Schweigen und mit Thränen. Nordeck wandte ſich an den Präſident und begann:

Als unſere Truppen im Jahre 1846 aus Frankreich zurückkehr⸗ ten, wurde ich mit mehrern Schwadronen des vierten Huſarenregi⸗ ments in dieſer Gegend einquartirt. Die Ruhe der Cantonirung be⸗ wog mich zu kleinen Ausflügen in die Umgegend. Wir Officiere wur⸗ den von dem Adel und in den zahlreichen Bädern, wie K., das da⸗ mals ein treffliches Theater hatte, gaſtfreundlich aufgenommen.

In dieſem Theater, wohin ich einen Freund begleitet hatte, traf ich zufällig mit Baron Hermann von Preuſſach zuſammen. Wir hatten in dem Feldzug 1809 mit einander gedient, und ich war ihm manchen Dank ſchuldig geworden. Die Freude, die ich über ſein Wiederbegegnen empfand, wurde aber durch ein peinliches Gefühl verbittert. Er hatte ſich ſehr zu ſeinem Nachtheil verändert. Der ſchöne, edelausſehende Jüngling war frühzeitig alt geworden; ſeine Glieder waren ſteif und ſchwach; ſein Geiſt gedrückt; ſelbſt ſein An⸗ zug trug die Spuren entweder von Nachläſſigkeit oder Armuth. Ich wußte, daß er reich geweſen war, ich hatte gehört, daß er eine glän⸗ zende Heirath gemacht habe, und konnte das Alles mit ſeinem gegen⸗ wärtigen Ausſehen nicht vereinigen. Erſchien meine Gedanken zu er⸗