dem Kuſſe, den er ihr nehmen wollte, ſeine bebenden Lippen auf die Lippen Mariens, in demſelben Augenblicke aber fuhr er in Ent⸗ ſetzen zurück.
„Marie!“ rief er bleich und wie vom Blitze getroffen,„Marie!“
Er konnte an ſeinem Unglücke nicht lange zweifeln; er ſah, daß ſie todt war.
Er nahm ihre Hände, hob ſie auf, legte ſie an ſeine Bruſt, weinte und betete, kurz er that Alles, was ihm die innigſte Liebe, der verzweifeltſte Schmerz eingab. Marie war todt; ſeine Küſſe und Thränen vermochten nichts.
Eine Stunde lang ſaß er da über ſie gebeugt, ſchluchzend, zärtlich ſie anredend.
„Wo aber bin ich!“ fragte er ſich plötzlich;„es kann Alles dies nur ein Traum ſein.“
Er blickte auf und ſah die friſchen Bauermädchen auf der Tapete lächeln, ſah die dickbackigen Liebesgötter über den Thüren und den blauen Himmel draußen. Noch immer glaubte er zu träumen; bald aber hörte er zwei Dienerinnen auf dem Gange draußen leiſe ſprechen.
„Ach mein Gott!“ rief er dann, indem er aus dem Bette ſprang;„es iſt vorbei. Was ſoll ich thun? Warum iſt ſie, wie iſt ſie geſtorben?“ 2
Als er dem Kamine ſich näherte, erblickte er den Brief, den Marie unter ſo vielen Thränen geſchrieben hatte. Er nahm ihn faſt mit Freude, überlas ihn, und jedes Wort des Abſchiedes war wie ein Dolch, der ihm in das Herz drang:
„Was ſoll ich Dir ſchreiben, Heinrich? Ich werde ſterben. Sterben, da ich nach ſo vielen Leiden durch Dich mein ſchönes Leben neu beginnen ſehen könnte! Aber werde ich nicht da vben wieder leben und Dich erwarten? Ja ſterben, denn ich kann es in dieſer Stunde, da eine Thräne des Glückes aus Deinem Auge
auf mein Herz gefallen iſt. Heinrich, verzeihe mir, fluche der


