haben. Wohin wuͤrden wir uns gewendet haben, wenn wir Sie nicht hätten?“
„Ach,“ fiel die Tante achſelzuckend ein,„die Verliebten ſind da nie in Verlegenheit; hat man einmal ein Herz, an das man
nicht; die Liebe iſt eine große Baumeiſterin, die überall Schlöſſer aufführen kann. Gebt Euch mehr Euren Gefühlen hin, Kinder, wenn Ihr mir Euer Vertrauen beweiſen wollet; ſcheut Euch nicht, einander zu küſſen; das wird Euch wohlthun und mir auch.“
Marie lächelte höchſt reizend und reichte Heinrich die Hand, der dieſelbe mit Leidenſchaft küßte.
„So iſt es recht,“ fuhr die alte Frau von Montreuil fort; „Du ſiehſt wenigſtens nicht ſo aus, als vb Du aus dem Kloſter kämeſt. Ich weiß wohl, daß die Erinnerung an Dein Unglück weder Dir noch ihm ſehr angenehm ſein kann, aber das iſt ja vorüber, und über die Vergangenheit muß man einen Schleier breiten.“
—„Ja,“ fiel Marie ſeufzend ein,„einen Schleier über die Vergangenheit.“
Gegen das Ende des Abendeſſens war die Frau von Montreuil ſo heiter geworden, daß ſie ein Liedchen von ihrem lieben Abbé von Chaulieu an die Göttin von Amathunt ſang; dann plauderte ſie noch eine Zeitlang ſehr angenehm, endlich neigte ſie das Haupt und ſchlief ein.
Eine Dienerin meldete Heinrich und Marien, daß Feuer in ihrem Zimmer angezündet ſei. Heinrich warf einen liebenden Blick auf Marien, bot ihr die Hand, nahm ein Licht von dem Tiſche und ſagte:
„Laß uns gehen.“
Sie legte zärtlich ihre Hand auf das graue Haupt und ſteckte das Portrait ihrer Mutter in den Buſen. Dann begaben ſich Beide in ein reichgeſchmücktes Zimmer. Die Wände waren mit Tapeten
4 das Haupt legen kann, ſo kümmert man ſich um das Uebrige


