Teil eines Werkes 
1./2. Th. (1844)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

115

In ſeinen Zügen lag unter einer Maske von Demuth ein gewiſſer edler Stolz, der von vornehmer Geburt, von Geiſt und Schmerz zeigte. Obgleich die Zuſchauermenge ſehr gedrängt ſtand, ſchritt er doch durch dieſelbe hindurch, ohne viel Unzufriedenheit und Störung zu veranlaſſen. Etwa zwanzig Schritte von Marien blieb er ſtehen; er betrachtete ſie mit ſanften traurigen Blicken und ſtützte ſich auf das Geländer, welches die Neugierigen von den Richtern trennte, neigte ſeufzend ſeine Stirn und ſchien ſich zu ſammeln.

Marie, die ſehr bewegt war, da ſie ſich durch ihre Kinder ſo grauſam angeklagt ſah, achtete Anfangs nicht auf die neue Geſtalt; als ſie aber ihre Blicke auf dieſelbe richtete, erbebte ſie. Heinrich Thome, der ſie fortwährend beobachtete, erſchrak über ihr plötz⸗ liches Erbleichen und ſchien ſie durch ſeine Unruhe um die Urſache zu fragen. Sie aber achtete nicht darauf, ſondern blickte noch. immer den Benediectiner an, der ſchreckiche Erinnerungen in iſ zu wecken ſchien.

Wenn er es wäre! dachte ſie erſchreckt und erſtaunt,wenn er es wäre!

Sie ſtrich mit den Händen über die Augen, als wollte ſie ſich überzeugen, daß ſie nicht träume.

Nein, ſagte ſie bei ſich,ich träume nicht, aber er iſt es nicht. Woher und warum kommt dieſer Mann?

Die Debatten gingen unterdeß weiter. Der Advocat der Ge⸗ genpartei las ſogar Mariens Selbſtgeſtändniſſe, die man ihr in St. Pelagie weggenommen hatte.

Bald darauf verlangte der Benediectiner, der bis dahin ernſt

und ſchweigend dageſtanden hatte, auf die Bank der Zeugen ge⸗

führt zu werden, da er Eröffnungen zu machen habe. Ein Diener des Gerichts öffnete die Schranken. Der Bene⸗

dietiner ſetzte ſich ſchweigend neben den Canonicus Leblane, in

der Nähe Mariens, nieder.

8*