Teil eines Werkes 
1./2. Th. (1844)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

112

Sobald aber das Urtel geſprochen war, trat die Familie des Procurators mit der Verurtheilung dagegen auf, welche der Ver⸗ ſtorbene erlangt hatte, und mit dem Teſtamente deſſelben. Die Familie bot Alles auf, um den letzten Wunſch des Procurators in Erfüllung zu bringen, und trieb ſelbſt die Kinder gegen ihre Mutter.

Bis zur Entſcheidung des Proceſſes verbrachte Heinrich alle Nachmittage bei Marien. Ihre Liebe wurde immer vertrauens⸗ voller und zärtlicher; ſie eröffneten einander ihre Herzen, ihre Hoffnungen und Beſorgniſſe; ſie beteten, tröſteten und liebten einander.

Eines Tages traf Heinrich Marien im innigen Gebete.

Ich hielt Sie nicht für ſo fromm, Marie.

Sie haben mich gelehrt, Gott zu lieben, antwortete ſie ihm, indem ſie die Augen zum Himmel erhob.Ich betete zwar auch, ehe ich Sie kannte, aber wie oft entweihete ich das Gebet durch Zorn, Stolz und Haß. Ich lehnte mich auf gegen die Welt, die mich mit ihrer ganzen Verachtung niederbeugte; keine einzige mitleidige Seele ermuthigte meine Thränen und rich⸗ tete mein armes Herz auf. Da kamen Sie; Sie liebten die, welche die Welt von ſich ſtieß, Sie fanden in meinem Herzen die Quelle der Thränen wieder; ich habe geweint, nicht aus Zorn, ſondern aus Liebe und Reue; ich habe Sie, ich habe Gott geliebt. Ach, Heinrich, Sie ſind mein Retter!

Der außerordentliche Proceß kam im Juli 1684 zur Verhand⸗ lung. Der berühmte Talon erſchien als Generalanwalt. Man berief Marien von Joyſel und deren Kinder; die väterlichen und mütterlichen Verwandten, Karl Heinrich Thome, den Bewerber; den Canonicus Leblanc, die Superiorin von St. Pelagie, die Schweſter Martha und einige Andere. Aus der Stadt und vom Hofe war eine Menge Neugieriger gekommen. Seit einem halben Jahrhundert hatte kein berühmterer Proceß ſo die Neugierde