140 David Kopperfield.
Sie ſtand mit ihren funkelnden, zornvollen Augen dem weit aufſtarrenden Blicke und dem unbeweglichen Ge⸗ ſichte gegenüber und wurde, wie das Geſtöhn ſich wie⸗ derholte, nicht ſanfter, als wenn das Geſicht ein bloßes Gemälde geweſen wäre.
„Fräulein Dartle,“ verſetzte ich,„wenn Sie ſo ver⸗ härtet ſein können, daß Sie nichts fühlen für dieſe ſchwer heimgeſuchte Mutter—“
„Wer fühlt etwas für mich?“ fuhr ſie mich mit ſchneidender Stimme an.„Sie hat dies geſäet. Mag ſie ächzen über die Ernte, die ſie heute reif findet.“
„Und wenn ſeine Fehler—“ begann ich.
„Fehler!“ ſchrie ſie, in leidenſchaftliche Thränen aus⸗ brechend.„Wer wagt ihm etwas Schlechtes nachzu⸗ ſagen? Er beſaß eine Seele, ſo viel werth, als Mil⸗ lionen der Freunde, zu denen er ſich herabließ!“
„Niemand kann ihn mehr geliebt haben, Niemand ihm ein theureres Andenken bewahren, als ich,“ ent⸗ gegnete ich.„Ich wollte aber ſagen, wenn Sie kein Mitleid mit ſeiner Mutter hegen; oder wenn ſeine Feh⸗ ler— die Sie ſo bitter machten—“
„Das iſt erlogen,“ ſchrie ſie, ihr ſchwarzes Haar raufend;„ich liebte ihn!“
—„in ſolch einer Stunde,“ fuhr ich fort,„ſich nicht aus Ihrer Erinnerung bannen laſſen, ſo blicken Sie auf dieſe Geſtalt, und ſei es auch nur als auf eine, die Sie nie zuvor geſehen haben, und bringen Sie ihr einige Hülfe.“
Dieſe ganze Zeit über war dieſe Geſtalt unverän⸗ dert geblieben und ſah unveränderlich aus. Bewegungs⸗ los, ſtarr, ſtier, in derſelben dumpfen Weiſe von Zeit zu Zeit aufſtöhnend und dieſelbe hülfloſe Bewegung mit dem Kopfe machend, gab ſie kein anderes Lebenszeichen


