36 David Kopperfield.
ten gebeten hatte, und in welches wir in der Mitte der Nacht mit einiger Mühe hineinkamen, fand ich einen Brief, welcher mir ſagte, daß er am Morgen pünktlich halb zehn Uhr erſcheinen werde. Hierauf gingen wir zu dieſer unbehaglichen Stunde zitternd vor Kälte in unſere reſpectiven Betten, durch verſchiedene enge Gänge, welche rochen, als ob ſie Jahrhunderte lang in eine Auflöſung von Suppe und Stalljauche verſenkt geweſen wären.
Frühzeitig am Morgen ſchlenderte ich durch die lie⸗ ben alten ſtillen Straßen und ſchritt wieder über die Schatten der ehrwürdigen Bogengänge und Kirchen weg. Die Krähen flatterten um die Thürme der Kathedrale, und die Thürme ſelbſt, welche manche unveränderte Meile der reichen Gegend und ihrer lieblichen Bäche überſchau⸗ ten, ragten in die helle Morgenluft ſo ſtarr hinein, als ob es auf Erden kein ſolches Ding wie Wechſel gäbe. Und doch ſprachen zu mir die Glocken, wenn ſie er⸗ tönten, trauervoll von dem Wechſel in Allem; ſprachen mir von ihrem eignen Alter und der Jugend meiner niedlichen Dora, und von den vielen, nie alten Men⸗ ſchen, die gelebt und geliebt und geſtorben, während die Tonſchwingungen der Glocken durch den roſtigen Wappenſchmuck des Schwarzen Prinzen geſummt hatten, welcher drinnen aufgehangen war, und Bewegungen auf dem tiefen Meere der Zeit ſich in der Luft verloren hat⸗ ten, wie Ringel im Waſſer.
Ich that von der Ecke der Straße einen Blick auf das alte Haus, ging aber nicht näher hin zu demſel⸗ ben, damit ich nicht bemerkt werden und ſo dem Plane, welchen zu fördern ich gekommen war, ſchaden möͤchte. Die Morgenſonne brach ſich ſtrahlend auf ſeinen Gie⸗ beln und Gitterfenſtern, die ſie mit Gold bemalte, und


