David Kopperfield. 11
und wann ein wenig unterweiſen und ihr rathen könnten?“
„Trot,“ erwiederte meine Tante einigermaßen auf⸗ geregt,„nein. Bitte mich um dergleichen Dinge nicht.“
Ihr Ton war ſo ernſthaft, daß ich die Augen voll Verwunderung weit öffnete.
„Ich blicke auf mein Leben zurück, Kind,“ ſagte meine Tante,„und ich denke an Leute, die in ihrem Grabe ſind, und mit denen ich auf freundlicherem Fuße hätte ſtehen können. Wenn ich zu ſtreng über anderer Leute Heirathen urtheilte, ſo mag's deshalb geſchehen ſein, weil ich bittern Grund hatte, ſtreng über meine eigne zu urtheilen. Doch laſſen wir das. Ich mag ein murriges, knurriges und wunderliches Weibsbild gewe⸗ ſen ſein eine gute Reihe Jahre daher. Ich bin's noch und werd's ewig bleiben. Aber Du und ich, wir ha⸗ ben uns einander einiges Gute erwieſen, Trot,— auf alle Fälle haſt Du mir Gutes erwieſen, mein Lieber, und eine Trennung darf nun nicht zwiſchen uns ſtatt⸗ finden.“
„Was, eine Trennung zwiſchen uns?“ ſchrie ich.
„Kind, Kind!“ ſagte meine Tante, indem ſie ihr Kleid glättete,„wie bald eine Spaltung zwiſchen uns entſtehen könnte oder wie unglücklich ich das kleine Blümchen machen würde, wenn ich mich in irgend Et⸗ was miſchte, könnte ein Prophet nicht ſagen. Ich will, daß unſer Lämmchen mich gern hat und ſo heiter iſt wie ein Schmetterling. Entſinne Dich Deines eignen Vaterhauſes bei jener zweiten Heirath und thue weder mir noch ihr je das Unrecht, auf das Du anſpielteſt.“
Ich begriff ſogleich, daß meine Tante Recht habe, und ich begriff in voller Ausdehnung die edle Empfin⸗ dung, welche ſie gegen meine theure Frau fühlte.


