David Kopperfield. 139
Als dieſe Veränderung ſich über das Weſen Annie's ſtahl, die einſt wie Sonnenſchein in des Doctors Hauſe geſtrahlt, wurde der Doctor älter in ſeiner Erſcheinung und ernſthafter; aber die Milde ſeines Temperaments, die ſanſte Güte ſeines Benehmens und ſeine wohlwol⸗ lende Sorgfalt für ſie wurden ſtärker, wenn ſie über⸗ haupt noch einer Verſtärkung fähig waren. Ich ſah ihn dereinſt, früh am Morgen ihres Geburtstages, als ſie kam, um ſich ins Fenſter zu ſetzen, während wir an der Arbeit waren(was ſie ſtets gethan hatte, jetzt aber mit einer ſchüchternen und ungewiſſen Miene, die mir ſehr rührend vorkam, zu thun begann) ihre Stirn zwi⸗ ſchen ſeine Hände nehmen, ſie küſſen und eilig hinweg⸗ gehen, zu ſehr angegriffen, um zu bleiben. Ich ſah ſie ſtehen, wo er ſie verlaſſen, gleich einer Statue, und dann ihr Haupt niederbeugen und ihre Hände falten und weinen, ich kann nicht ſagen, wie kummervoll.
Manchmal nach dieſem Vorfalle bildete ich mir ein, als ob ſie in Zwiſchenpauſen, wo wir allein gelaſſen waren, ſogar zu mir zu ſprechen verſuchte. Aber ſie äußerte nie ein Wort. Der Doctor hatte allezeit irgend einen neuen Plan, daß ſie an Vergnügungen vom Hauſe entfernt mit ihrer Mutter theilnehmen ſollte; und Mrs. Markleham, welche das Vergnügen ſehr liebte und ſehr leicht mit allem Andern unzufrieden war, ging darauf äußerſt bereitwillig ein und war laut in ihren Empfeh⸗ lungen. Aber Annie ging in freudloſer, unglücklicher Weiſe nur dahin, wohin ſie geführt wurde, und ſchien ſich nach nichts zu ſehnen und an nichts Intereſſe zu nehmen.
Ich wußte nicht, was ich denken ſollte. Ebenſowe⸗ nig meine Tante, welche in ihrer Ungewißheit zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten wohl an die hundert Meilen gewan⸗


