138 David Kopperfield.
Der Doctor gab vor, er ſei nicht ganz wohl, und blieb während der übrigen Dauer der Viſite einen be⸗ trächtlichen Theil des Tages allein. Agnes und ihr Va⸗ ter waren ſchon eine Woche fort, ehe wir unſere ge⸗ wöhnliche Arbeit wieder aufnahmen. An dem der Wie⸗ deraufnahme derſelben vorhergehenden Tage übergab mir der Doctor ein zuſammengefaltetes, aber nicht verſiegel⸗ tes Billet mit eigner Hand. Es war an mich adreſſirt und legte mir in wenigen liebevollen Worten die Ver⸗ pflichtung auf, nie auf den an jenem Abende beſpro⸗ chenen Gegenſtand zurückzukommen. Ich hatte ihn meiner Tante, aber ſonſt Niemandem anvertraut. Es war kein Gegenſtand, den ich mit Agnes beſprechen konnte, und Agnes hatte ſicherlich nicht den geringſten Verdacht von Dem, was geſchehen war.
Ebenſowenig, davon fühlte ich mich überzeugt, hatte Mrs. Strong damals einen Verdacht. Mehrere Wo⸗ chen vergingen, ehe ich die geringſte Veränderung an ihr bemerkte. Es kam langſam heran, wie eine Wolke, wenn kein Wind iſt. Zuerſt ſchien ſie ſich über das ſanfte Mitleid zu wundern, mit welchem der Doctor zu ihr ſprach, und über ſeinen Wunſch, daß ſie ihre Mutter bei ſich haben möge, um ihr die todte Einför⸗ migkeit ihres Lebens zu erheitern. Oft, wenn wir an der Arbeit waren und ſie dabei ſaß, pflegte ich zu ſehen, wie ſie eine Pauſe machte und ihn mit jenem merkwür⸗ digen Geſichte anſchaute. Später bemerkte ich, daß ſie manchmal aufſtand und die Augen voll Thränen aus dem Zimmer ging. Allmählig fiel ein unglücklicher Schatten auf ihre Schönheit und verdunkelte ſich von Tage zu Tage. Mrs. Markleham war damals eine regel⸗ mäßige Hausgenoſſin des Landhauſes, aber ſie ſchwatzte und ſchwatzte und ſah nichts.


