154 David Kopperfield.
„Oh nein, nein!“ rief Dora.„Aber ich hoffe,
Deine Tante wird ſich viel auf ihrer eignen Stube auf⸗
halten! Und ich hoffe, ſie iſt kein zänkiſches altes Ding.“
Wenn es noch möglich war, Dora mehr denn je zu lieben, ſo that ich es wahrhaftig. Aber ich fühlte, daß ſie ein wenig ſchwer zu behandeln ſei. Es dämpfte meinen neugebornen Eifer, als ich fand, daß dieſer Eifer ihr ſo ſchwer mitzutheilen ſei. Ich machte noch einen Verſuch. Als ſie ganz wieder zu ſich gekommen und eben im Begriffe war, Zigs Ohren in Löckchen zu drehen, während er auf ihrem Schooße lag, wurde ich ernſt und ſagte:
„Mein Herz, darf ich etwas vorbringen?“
„Oh bitte, ſei nicht praktiſch!“ ſagte Dora in ſchmei⸗ chelndem Tone.„Weil mich's ſo in Furcht ſetzt.“
„Süßes Herz,“ entgegnete ich,„in alledem iſt nichts, was Dich erſchrecken knnte. Ich wollte, Du dächteſt darüber ganz anders. Ich möͤchte, daß es Dich kräftigte und mit tapfern Vorſätzen erfüllte, Dora!“
„Oh, aber das iſt ja ſo ſchrecklich!“ ſchrie Dora.
„Meine Liebe, nein. Ausdauer und Charakterſtärke werden uns in den Stand ſetzen, viel ſchlimmere Dinge zu ertragen.“
„Aber ich beſitze überhaupt gar keine Stärke,“ ſagte Dora, ihre Locken ſchüttelnd.„Hab' ich welche, Zig? Oh, gteb Zig einen Kuß und ſei nicht ſo häßlich.“
Es war unmöglich, ſich zu weigern und Zig nicht zu küſſen, als ſie mir ihn zu dieſem Zwecke hinhielt, und ihr eignes heiter lächelndes roſiges Mündchen in die Form des Küſſens zuſammenzog, als ſie die Ope⸗ ration, welche ſte durchaus ſymmetriſch vollzogen haben wollte, auf das Centrum ſeiner Naſe richtete. Ich that, wie ſie mir geheißen— wobei ich mich ſpäter für mei⸗
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