David Kopperfield. 155
Und inmitten der herrſchenden Todtenſtille las ich aus einem zerknüllten Briefe Folgendes:
„Wenn Ihr, die Ihr mich ſo unendlich mehr liebt, als ich jemals, ſelbſt als mein Herz noch unſchuldig war, verdiente, dieſe Zeilen ſeht, werde ich weit weg ſein.“
„Werde ich weit weg ſein,“ wiederholte er lang⸗ ſam.„Halt! Emilchen weit weg. Nun weiter.“
„Wenn ich meine theure Heimat— meine theure Heimat,— oh meine liebe theure Heimat! am Mor⸗ gen verlaſſe“—
der Brief trug das Datum der vergangenen Nacht:
„— ſo geſchieht das, um nie wieder zu kommen, es wäre denn, daß er mich als ſeine Gemahlin zurück⸗ brächte. Dieſer Brief wird manche Stunde nachher des Abends ſtatt meiner gefunden werden. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie mein Herz zerriſſen iſt! Wenn ſelbſt Du, dem ich ſo großes Unrecht gethan habe, und der mir nimmer vergeben kann, nur wiſſen könnteſt, was ich leide! Ich bin zu verworfen, um von mir ſelbſt zu ſchreiben. Oh, laß Dir den Gedanken ein Troſt ſein, daß ich ſo ſchlecht bin. Oh, um der Barmherzigkeit Gottes wil⸗ len, ſage Onkel, daß ich ihn nie halb ſo ſehr liebte, als jetzt. Oh, vergeßt, wie lieb und gut Ihr Alle ſtets gegen mich geweſen ſeid— vergiß, daß wir jemals uns heirathen ſollten— verſuche, zu denken, ich wäre klein geſtorben und irgendwo begraben. Danke dem Him⸗ mel, daß ich weit weg gehe, habe Mitleid mit Onkel! Sag' ihm, daß ich ihn nie auch nur halb ſo lieb ge⸗ habt habe. Sei ſein Troſt. Liebe irgend ein anderes gutes Mädchen, welche das ſein wird, was ich einſt dem Onkel geweſen bin, welche Dir treu und Deiner werth iſt und Dir keine Schande macht wie ich. Gott ſegne Euch Alle! Ich will für Alle oft auf meinen Knieen


