156 David Kopperfield.
Ich bin nicht mehr der letzte Knabe in der Schule. Ich habe mich in wenigen Monaten, über mehrere Andere erhoben. Aber der Klaſſenoberſte ſcheint mir ein mäch⸗ tiges Geſchöpf, das in weiter Ferne wohnt und deſſen ſchwindelnde Höhe unerreichbar iſt. Agnes ſagt„Nein“ dazu, aber ich ſage„Ja“ und ich erzähle ihr dann, daß ſie ſich wenig träumen läßt, welche Unmaſſen von Wiſſen von dieſem wunderbaren Weſen bemeiſtert worden ſind, an deſſen Platz, ihrer Meinung nach, ich, ſage ich ſchwacher An⸗ fänger einſt anlangen werde. Er iſt nicht wie Steerforth mein Freund im Prisatleben und mein Gönner im öffent⸗ lichen, aber ich habe Achtung und Ehrfurcht vor ihm. Vor Allem wundre ich mich, was er werden wird, wenn er Doctor Strongs Schule verläßt, und was die Welt thun wird, um irgend eine Stellung gegen ſeinen Anlauf zu behaupten.
Doch wer iſt das, der da plötzlich auf mich loseilt? Das iſt Miß Shepherd, die ich liebe.
Miß Shepherd iſt eine Koſtſchülerin in dem Etabliſ⸗ ſement der Miſſes Nettingal. Ich bete Miß Shepherd an. Sie iſt ein kleines Mädchen in einem Spencer, mit einem runden Geſichtchen und lockigen Flachshaaren. Die jungen Damen der Niſſes Nettingall kommen eben⸗ falls zur Kathedrale. Ich kann nicht auf mein Buch ſehen; denn ich muß auch auf Miß Shepherd hinſchauen. Wenn die Chorſänger ſingen, höre ich Miß Shepherd. In den Gottesdienſt verflechte ich im Geiſte Miß She⸗ pherd— ich gebe ihr einen Platz im Kirchengebete mit⸗ ten in der königlichen Familie. Zu Hauſe, auf meinem Zimmer finde ich mich zu Zeiten bewogen, in überſtrö⸗ mender Liebe„Oh Miß Shepherd!“ auszurufen. Manchmal bin ich im Zweifel über Miß Shepherds


