David Kopperfield. 19
den ganzen Tag vor mir her. Ich habe es ſeitdem in meiner Phantaſie immer nur mit der ſonnigen Straße von Canterbury in eine Reihe geſtellt, wenn ſie ſo träu⸗ meriſch in dem heißen Lichte brütet, mit ihren alten Häu⸗ ſern und Thorwegen und der ſtattlichen grauen Kathedrale, um deren Thürme die Krähen flattern. Als ich endlich auf die baum⸗ und häuſerloſen weiten Ebenen von Dover kam, ſo tröſtete es mich über den öden Anblick dieſer Landſchaft mit Hoffnung, und nicht eher verließ es mich, als bis ich jenes erſte große Ziel meiner Reiſe erreicht und thatſächlich den Fuß in die Stadt ſelbſt geſetzt hatte, was am ſechſten Tage meiner Flucht geſchah. Dann aber, als ich mit meinen zerriſſenen Schuhen, eine ſtaubbedeckte, ſonnenverbrannte, nur zur Hälfte bekleidete Geſtalt, an dem langerſehnten Orte ſtand, ſchien es, ſonderbarer und kaum glaublicher Weiſe, wie ein Traum zu zergehen und mich hülflos und entmuthigt zu verlaſſen.
Ich fragte nach meiner Tante zuerſt unter den Boots⸗ leuten, und empfing verſchiedenen Beſcheid. Einer ſagte, ſie lebte in dem Leuchtthurme auf der ſüdlichen Landſpitze und hätte ſich dran iſgen Bart verſengt; ein Zweiter wollte wiſſen, ſie wäre an die große Ankerboje draußen vor der Rhede angeſchloſſen und könnte nur während der Ebbe beſucht werden; ein Dritter meinte, man habe ſie wegen Kinderdiebſtahls in das Gefängniß von Maidſtone in Ketten gelegt; ein Vierter endlich verſtcherte, man habe ſie beim letzten Sturme einen Ginſterbeſen beſteigen und geradewegs nach Calais hinüberreiten ſehen. Die Fiaker⸗ knechte, unter denen ich mich hiernäͤchſt erkundigte, waren ebenſo ſpaßig und ebenſo wenig reſpektvoll, und die Leute in den Kramladen, denen mein ſchäbiges Ausſehen nicht
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