Teil eines Werkes 
2. Theil (1849)
Entstehung
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David Kopperfield. 161 Ermuthigung zeigte. Ich konnte nicht vergeſſen, wie es meiner Mutter geweſen, als ob Miß Betſey ihr ſchönes Haar mit nicht unſanfter Hand geſtreichelt habe, und ob⸗ wohl dies nichts als Einbildung von meiner Mutter ge⸗ weſen ſein, und näher beſehen nicht den geringſten Grund haben mochte, ſo geſtaltete ich mir doch ein klei⸗ nes Bild daraus, in welchem meine grimmige Tante der mädchenhaften Schönheit gegenüber, deren ich mich ſo wohl und mit ſo viel Liebe erinnerte, ſanfter wurde: ein Bild, welches die ganze Erzählung in milderem Lichte erſcheinen ließ. Es iſt ſehr möglich, daß dies Bild lange in meinem Gemüthe gelegen und nach und nach meinen Entſchluß ausgebildet hat.

Da ich nicht einmal wußte, wo Miß Betſey lebte, ſo ſchrieb ich einen langen Brief an Peggotty, in welchem ich ſie ſo beiläufig fragte, ob ſie ſich beſinnen könnte. Ich that dies unter dem Vorwande, ich habe von einer ähn⸗ lichen Dame gehört, daß ſie an einem Orte, den ich auf's Gerathewohl erfand, lebe, und wäre neugierig, zu wiſſen, ob es dieſelbe ſei. Im weiteren Verlaufe des Briefes ſagte ich Peggotty, daß ich zu einem beſonderen Vorhaben einer halben Guinea bedürfe, und daß ſie mich ſehr ver⸗ pflichten würde, wenn ſie mir dieſe Summe leihen könne, bis ich ſie ihr wiederzugeben vermöchte; wozu ich ſie ge⸗ braucht hätte, wollte ich ihr ſpäter einmal erzählen.

Peggotty Antwort ließ nicht lange auf ſich warten und war, wie gewöhnlich, voll Liebe und Hingebung. Sie ſchloß die halbe Guinea ein(ſie muß, fürcht' ich, eine Welt voll Angſt ausgeſtanden haben, wie ſie aus Mr. Barkis' Koffer herauszufiſchen ſei) und ſagte mir, daß Miß Betſey in der Nähe von Dover lebe, ob aber in Dover ſelbſt oder in Hythe, Sandgate oder Folkſtone, wiſſe ſie

David Kopperfield. II. 11