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die kleinen Hände voll Verwunderung zuſammen, als der Karren, auf welchem er mit dem Gerichtswalbel ſaß, hinter dem Reiſewagen hergehoppelt kam und in gehöri⸗ ger unterthäniger Entfernung neben der Treppe hielt.
„Herr Gott, ſind Sie denn auch krank geweſen? Oder haben Sie keine Gelegenheit zum Fiſchen gehabt?“ fragte Hortenſe mit herzlicher Theilnahme und lächelte wie ein kleiner Engel dem armen Lidner zu, der mit ſeinen tiefen Bücklingen faſt die Erde berührte.
„Doch, Fräulein, ich bin ſo glüͤcklich geweſen,“ entgegnete er mit einem demüthigen Ausdrucke ſtillen Triumphs.„Ich habe gefiſcht und bringe manches Pfund Hechte mit; dafür habe ich aber dem Herrn Notarius zu danken, dieſer hat mir zu der Freude verholfen.“
„Ach, Herr Bundler!“ Jetzt erſt ſuchten Hortenſens Augen unſern Helden, der, auf einen gnädigen Blick von ihr wartend, im Hofe ſtand. Die Amtmännin hatte ihren Mann und den Baron bereits in den Saal hinauf geführt.
„Bin ich endlich auch ſo glücklich, mich eines Blicks von Ihnen erfreuen zu dürfen?“ ſagte Gotthard etwas ſpitzig. „Freilich müſſen billigerweiſe alte Bekanntſchaften den neuen vorgehen. Ich habe kein Recht, mich darüber zu beklagen.“
„Das meine ich juſt auch,“ erwiederte Hortenſe ſchalkhaft.„Etwas mehr Anſpruchsloſigkeit ziert die Männer bei weitem beſſer.“
„Ja, ſolche Männer, deren Hauptſtudium ausmacht, den Damen zu gefallen.“.
„Iſt denn dieß nicht bei Allen der Fall?“ fragte Hortenſe mit verſtellter Verwunderung.
„Nein, Gottlob, das iſt es nicht! Alles hat ſeine Zeit, deßhalb auch die Periode der Weichlichkeit, wo die
Männer ihre höchſte Ehre in der Frauengunſt ſuchen. Jetzt
beſchäftigen uns andre Ideale, und wenn des Mannes Ge⸗ danken und Beſtrebungen einem höhern Weltzwecke gewidmet ſind, nimmt das Weib ſelten mehr den erſten Platz ein.“
„Na, das muß ich ſagen!“ Hortenſe ſchüttelte mit einer eige⸗ nen angebornen Anmuth die Locken aus der hübſchen Stirne.
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