Teil eines Werkes 
1.-3. Theil (1844)
Entstehung
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Du meinſt Hulda, verſetzte Tante Karoline lächelnd und ſtrich ihm die reichen ſchwarzen Locken, welche ſeine hohe freie Stirne beſchatten, mit der Hand zurück. Ein aufmerkſamer Beobachter hätte finden müſſen, daß in dieſem milden Lächeln gleichwohl ein leichter faſt unmerk⸗ licher Ausdruck von Schmerz oder Angſt lag.-

Ja, geliebte Tante, wen könnte ich anders meinen? Ich habe ſie nur kurz geſehen, allein die wenigen Au⸗ genblicke waren hinreichend, mir die Ueberzeugung zu geben, daß ſie einzig und allein und ewig in meinem Herzen leben wird. Ich habe ſie ſchon fruͤher ſo heiß und innig geliebt, daß ich nicht glaubte, mein Gefühl für ſie könnte ſich noch ſteigern, und doch finde ich jetzt, daß meine frühere Liebe Eis war gegen das Feuer, wel⸗ ches nun meine Seele durchſtrömt.*

Es kommt mir ſo kühl vor, ſagte Karoline, von einem leichten Fröſteln befallen.

Mitten im Auguſt! Biſt Du nicht wohl, Tante? fragte Hermann ängftlich.

Wir haben in den letzten Tagen viel bei Deinem Vater gewacht. Hulda war doch wohl ſehr erfreut, Dich wieder zu ſehen?

Ja, es ſchien wenigſtens ſo; aber ſie war mir zu ſchweſterlich. Indeſſen hoffe ich doch, daß ſie nach und nach ihr Benehmen in ein innigeres verwandeln wird. Sag' einmal, liebſte Tante, haſt Du irgend die geringſte Ahnung oder Vermuthung, daß es ſo bleiben werde?

Nein, Hermann, nicht im Geringſten; ich habe weder früher noch ſpäter dieſe Saite berühren wollen. Es iſt ja auch wohl am beſten, wenn ſie es zuerſt von Deinen Lippen vernimmt.

Gewiß, theuerſte Mutter! Dieß iſt in der That auch mein Wunſch und ich werde mich keineswegs über⸗ eilen. Sie mag dieſes neue Verhältniß nach und nach kennen lernen und ſich daran gewöhnen. Was ich für ſie fühle, liegt offen in jedem meiner Blicke, wenn ſie darin leſen will; allein in Worten werde ich es nicht