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heilige Auftritt aus dem innerſten, zarteſten Familienleben iſt keine Aufgabe für die Feder; denn wie wollte ihn dieſe ſo klar wiedergeben, daß er nicht durch die Mit⸗ theilung entweiht würde. Wir übergehen deßhalb die erſten Ausbrüche von reicher Empfindung und Seligkeit. Endlich konnten ſie ruhig mit einander reden. Traulich, wie in den alten, lieben Tagen, ſaßen Mutter und Sohn in dem kleinen Kabinet, wo die Wiegen der Milchbrüder geſtanden hatten, und als wenn eine geheime Macht Beide abhielte, von dem Gegenſtande zu ſprechen, welcher Hermanns Herzen am nächſten lag, wurde Gotthard und ſein lieber Brief, die Erzählung ſeiner Ankunſt und Aufnahme in Forshälla, nebſt der Beſchreibung der In⸗ wohner ein angenehmes, unerſchöpfliches Thema ihrer Unterhaltung.
„Seit einigen Poſttagen haben wir übrigens keine Nachricht von ihm. In ſeinem letzten Briefe ſagte er, daß die Herren zu den Gerichtsſitzungen reisten und es einige Zeit anſtehen könne, bis wir abermals Etwas von ihm hören würden.“
„Was mich eigentlich am meiſten in ſeiner Beſchrei⸗
bung angezogen hat,“ nahm Hermann das Wort,„war Das, was er von Baron Silberſparre ſagt,— in der That ein intereſſanter Charakter. Ich kann Dir ſagen, Tante, dieß hat einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mindeſtens vierundzwanzig Stunden lang unauf⸗ hörlich im Geiſte den Baron vor mir ſah, ich mochte ſchlafen oder wachen.“ 6 Karolinens zarte blaſſe Wangen überraſchte in dieſem
Augenblick der lange nicht dageweſene Beſuch eines Ro⸗
ſenſchimmers aus fruͤherer Zeit. Gegen ihre ſonſtige Ge⸗ wohnheit hatte ſie auf ihres Lieblings Rede keine weitere Antwort, als ein langgezogenes:„So— o?“ dabei rückte und zupfte ſie an ihrer Spitzenhaube, welche uͤbrigens in der beſten Ordnung war.
Hermann bemerkte dieß mit einiger Verwunderungz da er indeſſen überzeugt war, daß es nur ein Zufall ſey,
Die Milchbruͤder. I. 46*


