233 Einundzwanzigſtes Kapitel.
Mit beflügelten Schritten eilte Hermann nach dem bezeichneten Zimmer, hoch klopfte ſein Herz und eine heiße Glut bedeckte ſeine Wangen. Er ſollte ſie wiederſehen, ſeine junge Braut, die er als aufbrechende Knospe von noch kaum fünfzehn Jahren verlaſſen hatte, um ſie jetzt als üppig emporgeſchoſſene Blume wieder zu finden und welcher er, o der Seligkeit und Wonnel der erſte Glück⸗ liche, Worte der Liebe in das Ohr flüſtern ſollte. Wie ſah ſie wohl aus? Wie wird ſie ihn empfangen? Wird wohl das ſchüchterne ahnende Herz der Jungfrau im erſten Au⸗ genblick fühlen, daß der Bruder, der Jugendfreund nun einem andern Platz gemacht hat? Hermann wagte ſich nicht weiter in den Bereich dieſes myſtiſchen Gebiets, faßte die Klinke und ſchritt über die Schwelle in den Raum. welcher Zeuge des Augenblicks ſein ſollte, nach dem er ſich ſchon Jahre lang geſehnt hatte.
Jetzt war er darinnen.
An dem Fenſter ſtand Hulda, eine hohe ſchlanke Ge⸗ ſtalt, anmuthig über die kleine Orangerie gebeugt, welche Hermann früher zum Vergnügen ſeines Vaters, der ein großer Freund von Blumen war, erzogen hatte. Durch die dunkeln Blätter hindurch ſah er, wie ihre kleinen weißen Hände damit beſchäftigt waren, ein losgegangenes Reis wieder anzubinden. Als die Thüre aufging, ſah ſie hin und bei weitem weniger erſtaunt als Hermann, der ganz in Bewunderung dieſes liebenswürdigſten Geſchöpfs verſunken war, welches jemals ſeine Augen erblickt hatte, und mit halbausgeſtreckten Armen wie angewurzelt ſtand, flog ſie ihm entgegen, der ihr Freund, Lehrer und Bruder geweſen, und erröthete hoch, gleich wie vom Scheine ben⸗ galiſchen Feuers übergoſſen, als ſie vor dem vollendeten Manne ſtand, deſſen Feuerblick ſie faſt zu verzehren drohte.
Dieſer Moment entſchied für Hermanns ganzes


