Teil eines Werkes 
1.-3. Theil (1844)
Entstehung
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überlaſſen, welche ihm ſo nöthig iſt; für ſeine punktliche Pflege iſt geſorgt.

Hermann warf ſich auf den Sopha; allein der ergrei⸗ fende Auftritt der vorigen Nacht und die Ausſicht auf das, was noch kommen würde, erfüllten ihn ſo ganz und gar, daß er vergebens die Augen ſchloß und den Schlaf erwartete. Da ihm in dieſer unruhigen, unerträglichen Gemüthsſtimmung die Zeit zu lang wurde, ſo machte er ſich an das Auspacken ſeiner Koffer, um ſeine beſtäubten ſchmutzigen Reiſekleider mit andern zu vertauſchen. Nach⸗ dem auch dieß Alles in Ordnung war, ging er auf und abz die Bilder, welche er kurz erſt vor Augen gehabt hatte, tanzten noch abwechſelnd vor ihm umher und er war nahe daran, die Geduld zu verlieren, als er endlich einen feſten, kraftvollen Schritt, den wohlbekannten Gang ſeines Pflegvaters, nahen hörte. Der Schlüſſel drehte ſich leiſe um und ſehr vorſichtig ſtreckte der biedre Doktor lau⸗

ſchend den Kopf zur Thüre heein.

Nur herein, Oheim, ſagte Hermann ungeduldig; an Schlaf war bei mir nicht zu denken.

Du Schelm, biſt Du ſchon angekleidet! entgeg⸗ nete Bundler und hob drohend den Finger in die Höhe; ich glaubte, Du hätteſt Deine Zeit beſſer angewandt. Antworte mir vor allen Dingen auf eine Frage: wlllſt Du Hulda zuerſt allein ſehen, oder drinnen bei Deiner Stiefmutter? Karoline iſt nach Hauſe gegangen, ich wollte, daß ſie einmal ausſchlafen ſollte; deßhalb weiß ſie noch Nichts von Deiner Ankunft und wird dieſe erſt jetzt durch mich erfahren. Du magſt dann nachkommen.

Theuerſter Oheim! Bei dieſen Worten zuckte ein leiſes Beben durch Hermanns ganzes Weſen, er war ſo

wunderbar ergriffen, daß er kaum hinzuzuſetzen vermochte:

laß' mich ſie zuerſt ſehen und zwar allein.

Gut, gut; ich habe es mir auch ſo gedacht. Sie macht eben den Kaffee im Vorzimmer zurecht: Dort geh' hin, ich will einſtweilen der Frau Schwägerin Geſellſchaft leiſten. Ludwig liegt noch in den Federn.