wordenen Traumbildes ſitzend. Es war ſie ſelbſt. Jetzt, am hellen lichten Tage erkannte er ſie wieder vollſtändig, obgleich ein edlerer feinerer Ausdruck über ihrem Geſichte lag; die geſchmackvolle zierliche Kleidung erhöhte ihre natürliche würdevolle Anmuth, ſo daß ſie ſich noch beſſer ausnahm, als in früheren Tagen.
Als ihr Blick auf Hermann fiel, flog eine helle, faſt glühende Röthe über ihre Wangen. Die tief liegenden Augen ſandten ihm einen flehenden, unſäglich milden Gruß zu und eine leichte haſtige Bewegung nach der Seite, wo ihr Begleiter ſaß, der aber gerade ſeinen Blick anders⸗ wohin gerichtet hatte, ſchien Hermann um Vorſicht zu bitten. Noch ein langer zaudernder Blick, voll der ſchönſten innigſten Dankbarkeit, ein leichtes Schwenken des Taſchentuches und die Erſcheinung war verſchwunden. Hermann nahm ſich vor, dieſes Wiederſehen nur wie eine flüchtige Erſcheinung zu betrachten. Es war klar, in ihrer jetzigen Lage mußte ihr Alles daran gelegen ſeyn, daß ihr nicht die geringſte Mahnung an ihr früheres Leben in den Weg trat. Und dann— Hermann dachte an Gotthards veränderte Gefühle, an ſeinen Brief aus Forshälla.
„Zu was könnte es auch helfen?“ murmelte er vor ſich hin.„Am beſten iſt es ſo wie es iſt, daß ihre Wege ſich nie mehr begegnen. Ich werde ſchweigen,— denn was ich auch ſagen könnte, kann ja doch zu Nichts führen. Wenn ſie nur glücklich iſt! O, wenn ich dieß hoffen dürfte! Das große ſprechende Auge drückte wohl Frieden, aber keine Glückſeligkeit aus.— Armes Geſchöpf; ich fürchte, dieſes Gefühl wird Dir ewig fremd bleiben. Aeußer⸗ lich iſt die Wunde wohl zugeheilt, allein inwendig brennt ſie doch fort.“ Tief beklagte Hermann ihr trauriges Ge⸗ ſchick; dankte aber Gott, daß er ſich ſtets gehütet hatte, ihr jemals eine falſche Hoffnung vorzuſpiegeln.„Die Folge,“ dachte er,„hat gezeigt, daß dieſe meine Vorſicht ihr einen Schmerz mehr erſpart hat, denn beſſer, gar kein Erſatz, als die Hand ohne das Herz, etwa wie man
Die Milchbrüder. 1. 15


