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begann emſig an einer Wickelbinde für den kleinen Her⸗ mann zu ſtricken.
So vergingen Wochen und Monate, Dahls tiefer Schmerz blieb ſich ſtets gleich; Berthas Zimmer war noch immer ſein Lieblingsplatz; der einzige Ort, den er ſonſt noch beſuchte, war das Haus ſeines Schwagers,— dorthin ging er täglich, um das halberſtorbene Herz an dem Anblicke ſeines Sohnes zu erquicken, welcher unter Karolinens liebender Fürſorge herrlich gedieh.
Friſch und ſtark ſchoß der Kleine empor, und obgleich ſein Bruder Gotthard faſt ſechs Wochen älter war, ſo konnte doch Niemand, der nicht darum wußte, ſagen, wer der ältere ſey. Und Karoline, das gute, edle Geſchöpf, weit entfernt irgend ein Mißvergnügen darüber zu empfin⸗ den, war ſogar noch ſtolz darauf, und fühlte ſich nie glücklicher, als wenn Fremde, denen ſie ihre kleinen Lieblinge zeigte, nicht zu ſagen wußten, welcher von Belden der ihrige ſeyn möchte.
„Sie find Beide mein,“ ſagte dann jederzeit Koro⸗ line mit der reinſten Freude, die kleinen quabbelichen Buben an ihr glückliches Herz drückend, und ſetzte ſie dann auf den Boden nieder, wo ſie auf einen, für ſie eigens beſtimmten Teppiche herumpurzeln konnten.
Gotthard zählte jetzt ein Jahr, Hermann eilf Monate und dleſe Zeit war, wie Frau Lenngren ſo treffend ſagt, im Kinderröckchen und in Unſchuld“ vergangen. Ihre bequeme Kleidung erlaubte ihnen auf allen Vieren um⸗ herzukriechen, üͤber einander zu purzeln und ſich wieder aufzurichten; aber ſchon in ihrem zarteſten Jugendalter trat deutlich die Ungleichheit ihrer Charaktere hervor, welche ſie auf ihrer ganzen fernern Lebensbahn begleiten ollte.
Wenn Gotthard hinſiel, ſo blieb er liegen und
ſchrie ketzerlich ohne Unterlaß, bis Liſe, obgleich es ihr
vom Doktor und ſeiner Frau ſtrenge unterſagt war,
herbeigelaufen kam und ihn aufhob. Wenn aber Her⸗
mann ſo etwas paffirte, zerarbeitete ſich dieſer ſtilt und Die Milchbruüder. I. 2


