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denn ich fand, daß die Brechung des unſrer armen Bertha gegebenen Gelöoͤbniſſes ſie mehr koſten würde, als die Erfüllung deſſelben.“
„Außerdem kann ja Eure Liſe mit dem Knaben her⸗ überziehen. Die Alte iſt verſtändig, und wir wollen gemeinſchaftlich ein Auge darauf haben, daß die jungen Herren auch noch mit einer weitern Nahrung bedacht werden, als nur mit dem mütterlichen Nektar; im Uebri⸗ gen, liebſter Bruder, darfſt Du darauf bauen, daß meine Augen ſowohl über Mutter als Kind wachen werden.“
Dahl reichte Bundlern und Karolinen die Hände und dräckte ſie mit einem Gefühle, welches beſſer als Worte kund gab, was in ſeinem Herzen vorging,— dann ſtand er auf, um wegzugehen. Weder der Doktor noch ſeine Gattin konnten ihn zurückhalten; er ſehnte ſich nach Hauſe, nach dem Kämmerlein, wo ſeiner geliebten Bertha Leiche geſtanden. Da ſaß er dann einſam, in Träumereien verſunken, nur mit ihrem Bllde beſchäftigt. Nichts ver⸗ mochte ihn zu ſtören und von ſeinem Gedanken abzu⸗ bringen, denn ſein einziger Troſt war— Nahrung für ſeinen Schmerz zu ſuchen.
Am nämlichen Abende noch wurde der kleine Her⸗ mann nebſt Wiege und Amme in Doktor Bundlers Haus übergeſiedelt. 4
Ein kleines Kabinet neben dem Schlafzimmer des Ehepaars ward für die beiden Milchbrüder eingerichtet. Hier ſchliefen ſie in ihren niedlichen Bettchen, und die ſorgliche alte Liſe, welche ſchon die junge verblichene Frau aufgezogen hatte, und ſeitdem ſtets mit der größten Liebe ihrer Gebieterin zugethan blieb, ſaß ſtill auf einem Schemel zwiſchen den beiden Kleinen, eine Schnur in den Händen, welche an jeder Wiege befeſtigt war. So⸗ bald ſie den geringſten Laut hörte, zog ſie an der Schnur, woher der Ton kam, und ſummte mit leiſer Stimme ein Schlafliebchen. Sohald Alles wieder ruhig war, holte ſie die Schnupftabaksdoſe hervor, nahm eine Prieſe,
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drückte eine Thräne aus den ſtets feuchten Augen, und


