war, als Du je erfahren wirſt,— als je ein Menſch erfahren wird,— das weiß nur ich, die ich darunter gelitten habe.
„Was Dich betrifft, unglückliches Mädchen, das Du von dem erſten dieſer unheilvollen Jahrestage an eine Waiſe und entehrt wareſt, ſo bete täglich zu Gott, daß er nicht die Sünden Anderer an Dir heimſuchen möge, wie geſchrieben ſteht. Vergiß Deine Mutter, und laß alle andern Menſchen, die ihrem unglücklichen Kinde dieſe größte Freundſchaſt erweiſen wollen, ſie vergeſſen. Und nun gehe!“
Indeſſen hielt ſie mich, als ich im Begriffe war, ſie zu verlaſſen, plötzlich zurück,— ſo kalt war ich; und ſetzte folgende Worte hinzu:
„Unterwürfigkeit, Selbſtverläugnung, fleißige Arbeit, — das ſind die Vorbereitungen auf ein Leben, dem ein ſolcher angeborner Flecken anklebt. Du biſt von andern Kindern verſchieden, Eſther, da Du nicht, wie ſie, in gemeiner Sünde und in gemeinem Zorne geboren worden biſt. Du gehörſt einer ganz eigenen Klaſſe an.“
Ich ging in mein Zimmer hinauf, kroch in mein Bett, und legte die Wange meiner Puppe an die meinige, die von Thränen überſtrömte. Dieſe einſame Freundin
drückte ich an meinen Buſen, und weinte mich in den
Schlaf.
So unvollkommen ich auch die Urſachen meines Schmerzens kannte, ſo wußte ich doch ſo viel, daß ich noch Niemand Freude gemacht, und daß ich für Niemand auf Erden das ſei, was meine Puppe für mich war.
Ach, wenn ich daran denke, wie viele Stunden wir ſpäter allein bei einander zubrachten, und wie oft ich der Puppe die Geſchichte meines Geburtstages erzählte, und wie ich ihr anvertraute, daß ich mich aus allen Kräften bemühen würde, den Fehler wieder gut zu machen, wo⸗ mit ich geboren worden,(wegen deſſen ich mich in dunkler Weiſe ſchuldig und doch wieder unſchuldig fühlte),


