38 Die Pickwicker.
ſeins empfunden, und obgleich man die Geſtalt eines Kindes ſchaute, ſo ſah man doch nichts von dem leichten Sinn der Kindheit, ihrem fröhlichen Lächeln, und ihren Lebensluſt ſprühenden Augen.
„»Der Vater und die Mutter ſahen das Kind und einander unter den ſchmerzlichſten Gedanken an, welche ſie nicht auszuſprechen wagten. Der ſonſt geſunde, kräf⸗ tige, jeder Thätigkeit und Anſtrengung gewachſene Mann ſchwand ſichtlich hin aus Mangel an Bewegung und in Folge der ungeſunden Luft eines überfüllten Gefängniſſes. Die zarte Geſtalt der Gattin welkte unter den vereinig⸗ ten Wirkungen körperlicher und geiſtiger Leiden, und das Kind war dem Tode nah.
»Der Winter kam, und mit ihm wochenlange Kälte und heftige Regengüſſe. Die unglückliche Frau hatte eine ärmliche Wohnung in der Nähe des Gefängniſſes gemiethet, und obgleich dieſe Veränderung durch ihre zu⸗ nehmende Armuth bedingt ward, ſo fühlte ſie ſich doch jetzt glücklicher, weil ſie ihrem Gatten näher war. Zwei Monate hindurch harrte ſie, wie ſonſt, mit ihrem Kinde der Oeffnung des Thors. Eines Tages blieb ſie zum erſten Mal aus— am zweiten Morgen kam ſie allein. Das Kind war geſtorben.
»Diejenigen, welche mit kalter Gleichgültigkeit ſagen, wenn der Arme durch den Tod der Seinen beraubt würde, ſo ſei es für die Hingeſchiedenen eine Erlöſung aus dem Elend und für die Ueberlebenden eine Erleichte⸗ rung, kennen wahrlich wenig die Schmerzen ſolcher Ver⸗ luſte. Ein ſtummer Blick der Theilnahme und Zärtlichkeit, wenn jedes andere Auge ſich kalt abwendet— das Ge⸗ fühl, wenigſtens der Liebe eines menſchlichen Weſens ſicher zu ſein, wenn alle andere uns verlaſſen haben, iſt ein An⸗ halt, eine Stütze, ein Troſt im tiefſten Leid, welche durch


