Oliver Twiſt. 161
des Zwielichtes ſich auf die Erde zu breiten begannen, ſaß Oliver emſig leſend an dieſem Fenſter. Er hatte eine Zeitlang eifrig ſtudirt, und da der Tag ungewöhn⸗ lich warm geweſen war, ſo iſt es wohl nicht unnatür⸗ lich und unwahrſcheinlich, daß er allmälig einſchlummerte.
Es giebt eine Art Schlaf, der uns bisweilen be⸗ ſchleicht, aber, wenn er auch den Körper gefeſſelt hält, die Seele nicht von einem Gefühle der Dinge umher entbindet, ſie vielmehr ſich frei beſchäftigen läßt. Kann eine nicht zu bewältigende Müdigkeit, ein Schwinden aller Kräfte und die gänzliche Unfähigkeit, unſere Ge⸗ danken und Bewegungskraft zu beſtimmen, Schlaf ge⸗ nannt werden, ſo iſt jener Zuſtand Schlaf; doch haben wir dabei ein Bewußtſein von Allem, was um uns her vorgeht, und ſelbſt wenn wir träumen, fügen ſich die Worte, die wirklich geſprochen werden, oder die Töne, welche in dieſem Augenblicke wirklich exiſtiren, überra⸗ ſchend ſchnell in unſere Traumbilder ein, bis die Wirk⸗ lichkeit und die Phantaſie ſo ſeltſam verſchmelzen, daß es ſpäter faſt unmöglich wird, beide zu trennen. Dies iſt jedoch nicht die merkwürdigſte Erſcheinung bei einem ſolchen Zuſtande. Es iſt eine erwieſene Thatſache, daß, obgleich unſer Gefühls⸗ und Geſichtsſinn für dieſe Zeit todt ſind, auf unſere ſchlafenden Gedanken und die Traumbilder, die an unſerm Geiſte vorüberſchweben, die bloße ſtille Gegenwart eines äußern Ge⸗ genſtandes, der, als wir die Augen geſchloſſen hielten, nicht in unſerer Nähe geweſen zu ſein braucht, und deſſen Nähe wir im Wachen uns nicht bewußt waren, einen beſtimmten Einfluß äußert.
Oliver wußte vollkommen, daß er in ſeinem kleinen
Stübchen war, daß ſeine Bücher vor ihm auf dem
Tiſche lagen und die milde Luft die Blaͤtter draußen Oliver Twiſt. II. 11


