Oliver Twiſt. 155
würdig des Namens Mann und des Weibes, das Du beſchreibſt.« 4
»Jetzt denkſt Du ſo, Heinrich,« antwortete ſeine Mutter.
»Und ich werde immer ſo denken,« entgegnete der junge Mann.»Die Herzenspein und Seelenangſt, welche ich in den letzten beiden Tagen gelitten, entreißt mir das unumwundene Geſtändniß einer Liebe, die, wie Du weißt, nicht von geſtern iſt. An Roſa, dem lieblichen Engel, hängt mein Herz ſo feſt, wie eines Mannes Herz nur immer an einem Mädchen hängen kann. Ich kenne keine Gedanken, keine Ausſicht, keine Hoffnung im Leben ohne ſie, und wenn Du min hier widerſtrebſt, nimmſt Du mir meine Ruhe und mein Glück. Mutter, denke beſſer da⸗ von und von mir, und verkenne das warme Gefühl nicht, daß Du ſo gering zu achten ſcheinſt.“«
»Eben, Heinrich, weil ich ſo gut denke von warmen gefühlvollen Herzen, möchte ich ihnen Wunden erſparen. Doch genug und mehr als genug davon.«
»So überlaß die Entſcheidung Roſa,« fiel Heinrich ein.»Du wirſt gewiß Deine überſpannte Meinung nicht ſo weit treiben, um mir ein Hinderniß in den Weg zu legen.«
»Nein,« antwortete die Mutter,»aber überlege—⸗
»Ich habe es bereits überlegt, Jahre lang überlegt, faſt ſeit ich ernſter Gedanken fähig bin. Mein Gefühl iſt unverändert, wie es immer bleiben wird. Warum alſo durch eine Zögerung, die keinen Vortheil bringt, mir Schmerzen machen? Nein, ehe ich wieder abreiſe, ſoll Roſa mich hören.«
„»Das ſoll ſie,« ſprach Madame Maylie.
Du ſcheinſt ja zu glauben, ſie würde mich kalt an⸗ hören, Mutter?« ſprach der junge Mann beſorgt.


