154 Oliver Twiſt.
»Ich weiß, daß ſie die reinſte und wärmſte Liebe verdient, die eines Mannes Herz gewähren kann,« ſprach Madame Maoylie;»ich weiß, daß ihre Hingebung, ihre aufopfernde Liebe keine gewöhnliche Erwiederung, ſondern eine tiefgefühlte und ewige verlangt. Fühlte ich dies nicht und wüßte ich nicht überdies, daß ihr eine verän⸗ derte Stimmung deſſen, welchen ſie liebt, das Herz bre⸗ chen würde, ſo würde mir meine Aufgabe nicht ſo ſchwer erſcheinen, ſo würde ich mit mir nicht ſo viel zu kämpfen haben, um auszuharren in dem, was ich als meine Pflicht erkannt habe.«
»Das iſt hart, Mutter,« ſagte Heinrich.»Hältſt Du mich noch immer für ein Kind, daß ich mein eigenes Herz nicht kenne und mich über die Gefühle meiner Seele täuſche?«
»Mein lieber Sohn,« entgegnete Madame Maylie, indem ſie ihre Hand auf ſeine Achſel legte,»die Jugend beſitzt gar manches ſchöne und edle Gefühl, das nicht ausdauert, und manches wird nur um ſo flüchtiger, wenn es Befriedigung findet. Vor Allem aber denke ich,« fuhr ſie fort und ſah ihrem Sohn in das Geſicht,»wenn ein glühender, enthuſiaſtiſcher, ehrgeiziger junger Mann eine Frau beſitzt, auf deren Namen ein Flecken ruht, der, auch wenn ſie ſelbſt ihn nicht verſchuldete, von kaltherzi⸗ gen neidiſchen Menſchen ihr, ja ihren Kindern vorge⸗ worfen und ihm zum Hohne vorgehalten werden kann, er— wie edelgeſinnt er auch ſein möge— vielleicht ein⸗ mal die Verbindung bereut, die er in der Jugend ſchloß, und ſie den Schmerz und die Pein hat, zu wiſſen, daß er Reue fühlt.« 3
»Mutter,« fiel der junge Mann ungeduldig ein,»ein ſolcher wäre ein ſelbſtſüchtiger roher Menſch, gleich un⸗


