Oliver Twiſt. 149
dieſe Gedanken gehören zu den bitterſten des Menſchen. Kein Vorwurf iſt ſo ſchneidend, kein Gewiſſensſchmerz ſo ſcharf, als der über etwas, das nicht mehr gut zu machen iſt; man bedenke dies, wenn ſolche Folterqual noch ver⸗ mieden werden kann.
Als Oliver in dem Hauſe ankam, ſaß Madame May⸗ lie in dem kleinen Sprechzimmer. Der Muth verließ ihn, als er ſie ſah, denn ſie hatte das Bett ihrer Nichte noch nicht verlaſſen, und er gedachte mit Beben an die Veränderung, die ſie vielleicht davon getrieben. Er hörte, daß ſie in einen tiefen Schlaf geſunken, aus dem ſie nun wieder zum Leben und zur Geſundheit erwachen werde, oder um Abſchied zu nehmen und zu ſterben.
Da ſaßen ſie lauſchend mehrere Stunden lang und wagten nicht zu ſprechen. Die Speiſen wurden unbe⸗ rührt wieder abgetragen, und mit Blicken, die es deutlich
verriethen, daß ihre Gedanken an einem andern Orte wa⸗
ren, betrachteten ſie die Sonne, die immer niedriger und niedriger ſank, und endlich über Himmel und Erde den glänzenden Schein ausgoß, der ihren Abſchied verkün⸗ digte. Jetzt hörten ſie Tritte näher kommen, und Beide eilten an die Thür, als Losberne eintrat..
»Wie ſteht es mit Roſa?« fragte die alte Dame. „Sagen Sie mir es mit Einemmale. Ich kann alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit. Ach, in des Him⸗ mels Namen, ſprechen Sie!«
»Sie müſſen ſich faſſen,« ſagte der Doktor, indem er ſie nach einem Stuhle führte.»Beruhigen Sie ſich, meine theure Maylie.«
„Laſſen Sie mich fort, in des Himmels Namen!⸗ ächzte die Frau.»Mein Kind! Mein Kind! Meine Roſa! Sie iſt todt! Sie ſtirbtl«
„»Nein!« antwortete der Doktor begeiſtert.»Wenn
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