Oliver Twiſt. 17
er war, zu viel gelitten, als daß er die Ausſicht, ſeinen AAlufenthaltsort zu ändern, ſehr ernſtlich beklagt hätte. Er beſchäftigte ſich in Gedanken noch einige Minuten mit dieſem Gegenſtande, dann putzte er mit einem Seufzer das Licht, nahm das Buch, welches der Jude für ihn zurückgelaſſen hatte, und fing an zu leſen. Anfangs blätterte er nur darin, dann ſtieß er aber auf eine Stelle, die ſeine Aufmerkſamkeit erregte, und bald war er in das Leſen ganz vertieft. Es war eine Geſchichte von dem Leben und den Thaten großer Ver⸗ brecher, und man ſah es dem Buche an, daß es viel ge⸗ leſen worden war. Hier las er von gräßlichen Verbre⸗ chen, und es überlief ihn kalt, von geheimen Todtſchlä⸗ gen, die an einſamen Wegen begangen worden, von Leich⸗ namen, die vor dem Auge der Menſchen in tiefe Gruben und Brunnen verſteckt wurden, darin aber nicht blieben, fondern endlich, nach vielen Jahren, wieder zum Vor⸗ ſchein kamen, und die Mörder ſo erſchreckten, daß ſie in ihrem Entſetzen ſelbſt ihre Schuld geſtanden und nach dem Galgen ſchrieen, um nur ihrer Gewiſſenspein zu entgehen. Hier las er auch von Leuten, die in der Stille der Nacht in ihren Betten lagen und durch ihre eigenen böſen Gedanken zu gräßlichen Morden verleitet wurden, bei deren Vorſtellung das Herz ſchauert. Die entſetzlichen Schilderungen waren ſo natürlich und lebendig, daß die ſchmutzigen Blätter roth von Blut zu werden ſchienen, und die Worte auf ihnen in ſeinem Ohre klangen, als würden ſie von den Geiſtern der Todten ihm in hohlen Tönen zugeflüſtert.
In höchſter Furcht und Angſt ſchlug der Knabe das Buch zu und warf es von ſich. Dann ſiel er wieder auf ſeine Kniee und betete flehentlich zu Gott, daß er ihn vor ſolchen Thaten bewahre und ihn lieber ſogleich zu
Oliver Twiſt. II.. 2


