164 Oliver Twiſt.
(auf Oliver deutend), und habe dies gethan zwölf Jahre lang. Wißt Ihr das, wißt Ihr es?«
„Ich weiß es,« antwortete der Jude, um das Mäd⸗ chen zu beruhigen,»aber Du lebteſt davon.“ Leider!« antwortete das Mädchen, das nicht ſprach, ſondern fortwährend ſchrie;»es iſt mein Gewerbe, und die kalten, naſſen, ſchmutzigen Straßen ſind mein Auf⸗ enthalt und meine Heimath; Ihr habt mich dazu ge⸗ bracht und Ihr treibt mich dahin, Tag und Nacht, Nacht und Tag, bis ich ſterbe.«
„Ich thue Dir ein Leid an!« fiel der Jude ein, gereizt durch dieſe Vorwürfe,»ein Leid, das noch ſchlimmer ſein ſoll, als das, wenn Du noch ein Wort ſagſt. 83 3
Das Mädchen ſagte nichts mehr, aber ſie riß wie wahnſinnig ihr Haar auf und ſtürzte in ſolcher Wuth nach dem Juden, daß ſie wahrſcheinlich ſichtbare Zei⸗ chen ihrer Rache an ihm zurückgelaſſen haben würde, hätte nicht Sikes zur rechten Zeit ihre Hände ergriffen. Sie rang einen Augenblick vergeblich mit ihm, und ſiel dann in Ohnmacht.
„»Nun iſt es gut,« ſagte Sikes, indem er ſie in einem Winkel niederlegte.»Sie hat eine fürchterliche Kraft in den Armen, wenn ſie böſe wird.«
Der Jude trocknete ſich die Stirn ab und lächelte, als ſei es ihm ſehr wohl, daß der Streit geendet; aber weder er, noch Sikes, noch der Hund, noch die Jun⸗ gen ſchienen dieſen Vorfall für etwas Ungewöhnliches zu halten.
„Es iſt das Allerſchlimmſte, mit Frauenzimern zu
thun zu haben,« meinte der Jude;»aber ſie ſind auch
wieder pfiffig, und wir können ſie nicht entbehren.— Karlchen, zeige Oliver ſein Bett.“« 3
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