26 Dreißigſtes Kapitel.
geſehen; aber nirgends haben menſchliche Augen keckere, grö⸗ bere und abſcheulichere Abbilder des göttlichen Weſens geſe⸗ hen, als wir Geſchöpfe von Staub in unſern eigenen Bild⸗ niſſen aus unſern ſchlimmen Leidenſchaften machen.
„Als ich ihn zwang, mir ihren Namen und ihren Aufent⸗ halt zu entdecken,“ fuhr ſie im Sturm ihrer Entrüſtung und ihrem Vertheidigungseifer fort;„als ich ſie anklagte und ſie ihr Haupt verhüllend mir zu Füßen fiel, rächte ich da die mir angethane Schmach, überſchüttete ich ſie da mit meinen Vorwürfen? Diejenigen, welche vor Alters erwählt wurden, zu böſen Königen zu gehen und ſie zur Rechenſchaft zu zie⸗ hen— waren ſie nicht Gottgeſandte und Knechte? und hatte nicht auch ich, ſo unwürdig ich ihrer war und ſo tief ich unter ihnen ſtehe, eine Sünde zu rügen? Als ſie zu ihrer Entſchuldigung ihre Jugend anführten und ſein elen⸗ des und mühſeliges Leben(ſo nannte ſie die Erziehung zur Tugend, die ihm geworden) und die entweihte Feierlichkeit der Trauung, die ſie mit einander im Geheimen verbunden und die Schrecken der Noth und der Schande, die ſie Beide überwältigt, als ich zuerſt erwählt wurde, das Werkzeug zu ihrer Beſtrafung zu ſein und die Liebe(ſie wagten dieſes Wort zu meinen Füßen zu gebrauchen), von der erfüllt, ſie ihn auf⸗ gegeben und mir überlaſſen hatte, ſetzte ich da meinen Fuß auf meine Feindin und zitterte ſie vor den Worten mei⸗ nes Zorns! Nicht mir werde die Kraft zugerechnet; nicht mir das Auferlegen der Buße!“
Viele Jahre waren gekommen und gegangen, daß ſie
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