1 150 Neunundzwanzigſtes Kapitel.
gewohnt habe, ich kann nicht hier an Sie denken, wo ich ſo Viel geſehen habe, und ſo ruhig und tröſtlich ſein, wie ich ſollte. Meine Thränen zwingen ſich wider meinen Willen hervor. Ich kann ſie nicht zurückhalten. Aber bitte, bitte, wenden Sie ſich jetzt nicht von Ihrer kleinen Dorrit, nicht jetzt in ihrer Betrübniß! Ich bitte und flehe Sie aus meinem tieſſten Herzen, mein Freund— mein Geliebter!— Nehmen Sie Alles, was ich habe, und machen Sie es zu einem Segen für mich!“
Der Stern hatte bis jetzt hell auf ihr Geſicht geſchienen, aber jetzt ſank es auf ſeine Hand und auf die ihrige.
Es war dunkler geworden, als er ſie aufrichtete und mit ſanfter Stimme ihr antwortete:
„Nein, liebſte Klein Dorrit. Nein, mein Kind. Ich darf von einem ſolchen Opfer nicht hören. Freiheit und Hoffnung würden für einen ſolchen Preis ſo theuer erkauft ſein, daß ich nie ihre Laſt, nie den Vorwurf tragen könnte, ſie zu beſitzen. Aber mit welch heißem Dank und inniger Liebe ich dies ſage, rufe ich den Himmel zum Zeu⸗ gen an!“
„Und doch wollen Sie mir nicht geſtatten, Ihnen in Ihrem Unglück treu zu bleiben?“
„Sagen Sie, liebſte Klein Dorrit, und doch will ich verſuchen, Ihnen treu zu bleiben. Wenn ich in entſchwun⸗ denen Tagen, wo dies Ihre Heimath, und dies Ihr Kleid war, beſſer verſtanden(ich ſpreche nur von mir ſelber) und die Geheimniſſe meines eigenen Buſens deutlicher geleſen


