Die Geſchichte einer Selbſtquälerin. 135
dankbar mir zu eigen hätten machen ſollen— liebte ich ihn doch. Seinetwegen ertrug ich es, daß ſeine Couſine ihn mir ins Geſicht lobte und vorgab zu glauben, daß mir das Freude mache, obgleich ſie recht gut wußte, daß es mich peinigte. Während ich in ſeiner Gegenwart daſaß und alles mir ge⸗ ſchehene Unrecht mir zurückrief und überlegte, ob ich nicht lieber gleich entfliehen und ihn nie wieder ſehen ſollte, habe ich ihn geliebt.
Seine Tante(meine Herrin, wollen Sie gefälligſt bemer⸗ ken) vermehrte wohlüberlegt und muthwillig noch meine Prüfungen und Leiden. Es machte ihr Freude, viel und ausführlich zu reden von dem Hauſe, das wir in Oſtindien machen, von der Geſellſchaft, die wir empfangen würden, ſobald er ſeinen höhern Poſten angetreten. Mein Stolz empörte ſich gegen dieſes nackte Hervorheben des Gegen⸗ ſatzes, in dem mein verheirathetes Leben zu meiner gegen⸗ wärtigen abhängigen, untergeordneten Stellung ſtehen würde. Ich verbarg meine Entrüſtung; aber ich zeigte ihr, daß ich ihre Abſicht recht gut erkenne und bezahlte ihre Quälereien mit geheuchelter Demuth. Was ſie beſchrieb, würde gewiß viel zu viel Ehre für mich ſein, pflegte ich ihr zu ſagen. Ich beſorgte, eine ſo große Veränderung nicht ertragen zu kön⸗ nen. Wenn man bedenke, daß eine bloße Erzieherin, die Erzieherin ihrer Tochter, zu einer ſo hohen Auszeichnung ge⸗ lange! Sie fühlte ſich befangen und Alle fühlten ſich be⸗ fangen, wenn ich auf dieſe Weiſe antwortete. Sie wußten, daß ich ſie vollſtändig verſtand.


