Teil eines Werkes 
7. Th. (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Ein Brief von Klein Dorrit. 75

ten mir ſo viel mehr davon erzählen, als ich Ihnen, daß es ganz überflüſſig iſt, Sie mit meinen Berichten und Beſchrei⸗ bungen zu langweilen.

Lieber Mr. Clennam, da ich den Muth gehabt habe, Ihnen früher zu ſagen, in welche Verlegenheiten dieſe Reiſe⸗ eindrücke manchmal meinen Geiſt ſetzen, ſo will ich auch jetzt nicht feig ſein. Einer meiner häufigen Gedanken iſt folgen⸗ der: So alt dieſe Städte ſind, iſt mir ihr Alter in meinen Gedanken kaum ſo merkwürdig als der Umſtand, daß ſie während der ganzen Zeit an ihrer Stelle waren, wo ich höch⸗ ſtens von dem Vorhandenſein von zweien oder dreien Etwas wußte, und kaum Etwas jenſeit unſerer alten Mauern kannte. Es iſt etwas Trauriges in dem Gedanken, und ich weiß nicht warum. Als wir uns neulich den berühmten ſchiefen Thurm in Piſa anſahen, war helles, ſonniges Wet⸗ ter, und der Thurm und die Gebäude in der Nähe ſahen ſo alt, und die Erde und der Himmel ſo jung aus, und der Schatten auf dem Boden war ſo weich und heimlich. Ich konnte Anfangs nicht daran denken, wie ſchön oder wie merk⸗ würdig es war, ſondern ich dachte:O, wie viele Male, wo der Schatten der Mauer in unſer Zimmer fiel, und wo die müden Schritte im Hofe auf und ab gingen o, wie viele Male war dieſer Ort eben ſo ſtill und lieblich, wie heute! Es überwältigte mich vollſtändig. Mein Herz war ſo voll, daß mir Thränen aus den Augen hervorquollen, obgleich ich mein Möglichſtes that, ſie zurückzuhalten. Und oft, gar oft kommt daſſelbe Gefühl über mich.