Zukunft, das Brod der Barmherzigkeit aß, getränkt mit ihren Thränen.
Dieſe überlegene, durch Einſamkeit und Unglück vorzeitig entwickelte Intelligenz hatte eine Fähigkeit des Verſtandes erworben, welche in einem ſo zarten Alter ſehr ſelten iſt, aber zugleich nahmen ſchlimme Leiden⸗ ſchaften, wie ſie ſich großen Talenten oft beigeſellen, immer mehr und mehr die Stelle ein, welche eine gut geleitete Erziebung Tugenden eingeräumt haben würde. Es war Alles vorhanden in dieſem außerordentlichen Weſen. Die entgegengeſetzteſten Principien bekämpften ſich in ihr und es bedurfte nur einer heilſamen Leitung, um ſie zum Guten zu führen, oder eines ſchlimmen Ein⸗ fluſſes, um ſie dem Laſter in die Arme zu werten.
An dieſem Tage begriff ſie mit größerer Bitterkeit als gewöhnlich, wie ſchmerzlich und demüthigend ihr Loos ſei. Sie betrachtete ihre abgetragenen Kleider, die für ihre Geſtalt ſchon zu kurz waren; ſie verglich ihre einzige Freundin, ihre Begleiterin, mit dem parfümirten Hofſtaat, welcher Fräulein von Chamarante umringte, ſie verglich ihr Elend mit dieſem Reichthum, ihre Ver⸗ laſſenheit mit dieſer Familienverſammlung und ſie fragte ſich, warum Gott für Jene ſo viel und für ſie ſo we⸗
nig gethan. Dann, ihrer eigenen Züge gedenkend, ihres
überreichen Haares, ihrer hübſchen Hände, ihres zier⸗ lichen Wuchſes, ſagte ſie ſich:
Wann ich ſechszehn Jahre alt ſein werde wie dieſe Braut, werde ich ſhener ſein als ſie, und doch wird man mir keine ſo ſchönen Kleider und Diamanten geben. Ich las geſtern, die Schönheit ſei eine Krone. Warum ſollte ich ſie nicht ebenſo gut tragen wie dieſe Marquiſe? Oh, auch ich will reich ſun; ich will eine große Dame ſein, und ich werde es ſein!
Eine ſaure Stimme, welche ſie zum Fortgehen mahnte, weckte ſie aus ihren Träumen. Sie folgte ihrer häß⸗ lichen Führerin, wandte aber unaufhörlich das Haupt zuruͤck, um das Ende der Ceremonie mitanzuſehen, und


