Teil eines Werkes 
5. - 7. Bdchn (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

eit⸗ nen.

ſie irch den nan

ſtig

179

dringen, wenn ſie ſich weigerte, ihn zu empfangen, zu welcher Weigerung ſie feſt entſchloſſen war. Es gibt für eine liebende Frau keinen größern Schmerz als dieſen. Den Geliebten ſo nahe bei ſich wiſſen und ihm nicht einmal ein letztes Lebewohl ſagen! Aber in der Liebe gibt es kein letztes Lebewohl, wenn nicht das, welches man ſich nicht ſagt. Dieß iſt eine der wahr⸗ ſten Wahrheiten des Herzens.

Fräulein Orthez kam zeitig nach München; denn ſie zahlte doppelte Trinkgelder und dieſes Argument iſt in allen Ländern ein unwiderlegbares.

Als ſie Flavia wiederſah, hatte ſie ihre ganze Kraft nöthig, um an ſich zu halten. Froh des Wiederſehens warf ſich die Kleine in ihre Arme. Die haſtigen Fra⸗ gen des Kindes waren von der gräßlichen Wirklichkeit ſo weit entfernt! Nur die Abweſenheit der Gouvernante hatte Flavia beunruhigt. Sie hatte durchaus keine Ahnung von der Kataſtrophe in ihrer Familie. Nach den erſten Worten jedoch ſah das Kind ihre Gouver⸗ nante genauer an; es nahm die Veränderung derſelben wahr, es ſah Thränen in ihren Augen.

Was haben Sie, meine gute Freundin? fragte es bängſtlich.

Chriſtine antwortete Anfangs nur mit Liebkoſungen Dann bereitete ſie Flavia allmälig auf das vor, was die Kleine erfahren mußte. Endlich ſagte ſie ihr, ihr Vater und ihre Mutter ſeien Beide in Monza heftig erkrankt und ihre anſteckende Krankheit geſtatte nicht, daß Flavia ſie beſuche und pflege, und ſie hätten ſie, Chriſtine, beauftragt, ihrer Tochter ihre Küſſe und ihren Segen zu überbringen.

Das junge Mädchen glaubte das, vergoß aber darum nicht weniger Thränen. Seine Unruhe kannte keine Gränzen mehr und die Gouvernante fürchtete für die Geſundheit der Waiſe. Wie alle muthvollen Seelen ertrug Chriſtine ihre falſche Stellung nit Ungeduld,