148 einer Bildſäule auf einem Grabe. Sie konnte die Augen nicht davon abwenden, jeden Augenblick kam es ihr vor, die Gemordete müſſe aufwachen, ſie beim Namen rufen, ihr die Hand bieten, ihr verzeihen. Dieſe Illuſion war ſehr lebhaft und ſie empfand davon einen Eindruck, daß ihr faſt übel wurde. Ah, murmelte ſie, ſie wird nie mehr mit mir ſprechen. Ihre Stimme iſt verſtummt, ihre liebevolle Seele entflohen ... Die arme Flavia hat nur noch mich auf der Welt! Chriſtine ſtand neben dem Tiſche, auf welchen ſie die Krone niedergelegt. Dort befand ſich auch noch das offene Schmuckkäſtchen. Chriſtine hielt es für paſſend, die Edelſteine zu verſchließen, bevor ſie Fremde herbeirief, um ſie dem rechtmäßigen Eigenthümer zuzuſtellen. Sie hatte früher einmal auf Befehl der Marquiſe ein genaues Ver⸗ zeichniß der Schmuckſachen entworfen, welche das Käſtchen enthielt, und dieſes Verzeichniß befand ſich in einem Schub⸗ fach des Deckels. Sie verglich ſorgfältig das Inventar und fand, daß Nichts fehlte. Sie wollte das Käſtchen eben verſchließen, als ein ihr unbekanntes Schublädchen, deſſen Feder nicht einſchnappte, ihr in die Augen fiel. Sie that es auf und erblickte ein Papier, deſſen Handſchrift Eile verrieth, und welches nicht verſiegeltwar. Dieſes von der Hand der Marquiſe beſchriebene Papier trug die Aufſchrift: „An Fräulein von Monza, an meine vielgeliebte Tochter, an meine Flavia.— Dieß iſt mein Teſtament.“ Chriſtine zauderte, allein ſie hielt den Inhalt dieſes Papiers für zu wichtig, da es vielleicht ihre Schritte in dieſer verhängnißvollen Lage zu leiten im Stande war. Sie entſchloß ſich daher, es zu leſen, indem ſie ſich ſagte: Das kann vielleicht Flavia nützlich ſein, und ſo iſt es keine Indiscretion. Es iſt geſchrieben, um geleſen zu werden. Arme Frau! Sie hat ihr Ende mit allen ſeinen Schrecken geahnt! Sie öffnete das Schreiben und begann es zu leſen. In dem Maaße aber, in welchem ſie weiter kam, begann
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