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Das Fieber verzehrte ſie. Denn wie kraftvoll eine Natur auch immer ſei, man wohnt ſolchen Scenen nicht an, ohne deren Einfluß zu empfinden.
Sie ſtützte ſich auf die Baluſtrade des Balkons und warf ihre zerſtreuten Blicke auf das weithingedehnte Land, deſſen Schönheit noch in allem Glanze des Frühlings ſtrahlte. Sie nahm zuerſt weder den Fluß noch das junge Grün wahr, welches ſich mit dem düſtern Grün der Tau⸗ nen vermiſchte, weder die impoſante Maſſe des Schloſſes, welches ſich zu ihrer Rechten erhob, noch die Felſen, welche unter ihr in den Abgrund ſich hinabſenkten, noch auch die Ruinen von Rudolfs Kapelle, die ſich am Ufer der Donau unter Blüthen bargen. Unwillkürlich blieben jedoch ihre Augen auf einem Manne haſten, welcher auf den Trüm⸗ mern ſaß und deſſen Aufmerkſamkeit auf ſie gerichtet ſchien. Es war zwar bei einer ſo beträchtlichen Entfernung un⸗ möglich, ſeine Züge zu unterſcheiden, aber nichtsdeſtoweni⸗ ger richteten ſich ihre Gedanken mechaniſch auf ihn und folgte ſie allen ſeinen Bewegungen. Nachdem er ſie, wie ſie wenigſtens ſich vorſtellte, lange betrachtet hatte, erhob er ſich und unterſuchte die Umgebung genau. Die unzugäng⸗ liche Lage von Monza ſchien ihn lebhaft zu beſchäftigen. Er umging langſam den Felskegel, auf welchem es lag, indem er ohne Zweifel einen Punkt ſuchte, von wo aus er emporſteigen konnte, und ſich durch kein Hinderniß ab⸗ ſchrecken ließ.
Das Gebahren dieſes Menſchen hatte etwas Selt⸗ ſames, Verdächtiges. Er machte keinen einzigen Schritt vorwärts, ohne ſich vorher den Rückzug zu ſichern. Er prüfte jedes Gebüſch, jeden Stein, jeden Pflanzenhalm. Obwohl er den Anzug eines bairiſchen Bauers trug, ver⸗ rieth, ich weiß nicht was in ſeinen Manieren einen Mann von guter Erziehung, welcher an die beſte Geſellſchaft ge⸗ wöhnt iſt. Groß und ſchlank und von ausgezeichneter
Die blutige Marquiſe. I. 10


