Stelle, wo die arme Beatrir ſie Abends zuvor weggenom⸗ men hatte. Dann nahm Chriſtine ihre langen Haare zuſam⸗ men, flocht ſie, heftete ſie an ihrem Kopfe auf, öffnete ihr das Reiſekleid, das ſie noch trug, und verſuchte ſie zu ent⸗ kleiden, um ihre Wunde abzuwaſchen. Welche Gewalt ſie auch über ſich ſelbſt hatte, ſie konnte ihre Thränen nicht zurückhat ten, während ſie dieſe peinlichen und frommen
Verrichtungen erfüllte. Dennoch ward ſie nicht ſchwach, ſondern vollendete die ſich auferlegte Aufgabe ganz. Sie ſtillte das Blut, legte den Leichnam auf das Bett, hüllte ihn in ein Nachtgewand und verſuchte ſogar die Steinplat⸗ ten zu reinigen um die ſchlagenden Beweiſe des Verbrechens zu vertilgen, allein es fehlte ihr an Mitteln dazu und der ankla⸗ gende Flecken konnte nicht ausgewiſcht werden.
Als ſie dieſe ſchmerzlichen Einzelnheiten beendigt hatte, trat ſie wieder an das Bett, ergriff die Hand der Mar⸗ quiſe und küßte ſie mit einer Ehrerbietung und Zuneigung die ſie ihr bei ihren Lebzeiten nie bewieſen hatte; dann betrachtete ſie lange das ruhige und blaſſe Antlitz, das we⸗ nige Stunden früher noch ſo ſchön war. So hatte Fräu⸗ lein von Chamarante an ihrem Verlobungsabend die auf ihrem Sterbelager ausgeſtreckte Sophie Hervé betrachtet. Wie Beatrir ergriff Chriſtine Angeſichts dieſer großen Lec⸗ tion des Todes ein trauriges Vorgefühl, das ſie nicht mehr verlaſſen ſollte. Sie ſchrack nicht vor demſelben zu⸗ rück, weil ſie überhaupt vor Nichts zurückſchrack, aber ſie fühlte, wie es ſich ihrer Seele bemächtigte und Tropfen auf Tropfen die Galle des Mißtrauens in derſelben verbreitete. Sie fühlte ihre Hoffnungen erlöſchen. Wie nach einer ſo furchtbaren Kataſtrophe noch ein Glück fordern? Auf was zählen Angeſichts Der, welche hier den letzten Schlummer ſchlief und welche den Nektarbecher, den das Leben ihr reichte, ihren Lippen hatte entweichen ſehen. Chriſtine bemühte ſich, dieſe duͤſteren Gedanken zu verſcheuchen. Sie näherte ſich dem Fenſter, um ein wenig Luft zu ſchöpfen.


