Teil eines Werkes 
5. - 7. Bdchn (1850)
Entstehung
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Chriſtine erfüllte ihre Pflichten gegen Alle mit ſkrupu⸗ löſer Pünktlichkeit. Es wäre unmöglich geweſen, ihr auch nur den leiſeſten Vorwurf zu machen. Sie wurde von Flavia angebetet und pflegte ihrerſeits das Kind wie eine zärtliche Mutter und brachte ihm die richtigſten und ern⸗ ſteſten Grundſätze bei. Flavia's Erziehung machte in jeder Beziehung die erſtaunlichſten Fortſchritte. Chriſtine's im⸗ mer klare und beſtimmte Lectionen prägten ſich unverwiſch⸗ lich dem Gedächtniß der Kleinen ein. Sie wurde eine gute Muſikerin und zeichnete recht hübſch. In gleicher Weiſe ſchritt das Sprachſtudium vor und die Marquiſe ſelbſt mußte geſtehen, daß ihre Tochter unter den Händen der gewandten Lehrerin augenſcheinlich gewinne.

Morgens in aller Frühe machten Lehrerin und Schü⸗

lerin einen Spaziergang. Flavia trank Milch in der

Meierei und lief auf der Wieſe umher. Sie pflückte da⸗ ſelbſt einen Strauß, den ſie gewiſſenhaft ihrer Mutter brachte, allein es fanden ſich immer ein Paar ſchönere und ſeltenere Blumen, welche ſie heimlich für ihren Vater und ihre Gouvernante bei Seite that, denn dieſen Beiden galten die lebhafteſten Gefühle ihres Herzens. Beatrir wußte Nichts von dieſem Vorzug, aber ſie ahnte ihn und der Verdruß, welchen ſie darob empfand, äußerte ſich bald als üble Laune, bald als Zorn. Sie warf den Blumenſtrauß auf ein Möbel, wo er ſchnell welkte, während der Mar⸗ quis und Chriſtine die kleine Gabe wie ein Kleinod auf⸗ bewahrten. Das Kind merkte das wohl und dieſer Un⸗ terſchied prägte ſich ihm tief in die Seele.

Eines Morgens waren ſie wie gewöhnlich ausgegan⸗ gen, und, fortgezogen von den Spielen des Kindes, tiefer in den Wald hineingegangen, als ſie ſonſt zu thun pfleg⸗ ten. Ein Gewitter, welches die ganze Nacht hindurch über der Gegend gehangen, brach plötzlich los. Die Beunruhi⸗ gung der Gouvernante war groß, denn der Herbſt nahte, der Regen war froſtig und ſie fürchtete für die Geſund⸗ heit ihres Zöglings. Sie flüchteten ſich unter alle Bäume