Teil eines Werkes 
5. - 7. Bdchn (1850)
Entstehung
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werde. Sie knüpfte ihre langen Schärpen und Tücher zu⸗ ſammen, befeſtigte ſie an dem Söller und ließ ſie in den Abgrund hinab, doch ſie waren nicht hinreichend. Dann ſuchte ſie die Schnüre ihrer Draperien, ihrer Vorhänge zu⸗ ſammen, trennte die goldenen Zierrathen von ihren Ge⸗ wändern weg und ſlocht ſich aus allen dieſen Dingen eine niedliche Leiter, die ſie ihren Schärpen beifügte, und ſo gelangte ſie endlich zum Ziele.

Noch an demſelben Abend machte ſie Günther den Vorſchlag, in die Schlucht hinabzuſteigen, wo das ſchwache Werkzeug ihn erwartete, um ihn zu ihr zu bringen. Ob⸗ wohl ſie ſich ganz nahe waren, denn wie Sie ſich über⸗ zeugen können, lagen das Fenſter und der Felſen nicht weit von einander, trennte ſie doch ein Abgrund. Man mußte ein zwanzigjähriger Verliebter ſein und die Gefahr nicht kennen und verachten, um ſein Leben einem ſo leich⸗ ten Stützpunkt anzuvertrauen.

Günther zögerte nicht. Freudetrunken überſchritt er alle Hinderniſſe, gelangte an die glückliche Leiter, klam⸗ merte ſich an derſelben feſt, ohne nur ihre Stärke zu ver⸗ ſuchen, und gelangte in einigen Sekunden auf den Söller, wo Irene ihn erwartete.

Sie empfing ihn wie einen Boten der Freude, ihr erbittertes Herz fand eine Art Erleichterung in der Hoff⸗ nung, ihren Zorn mit Jemand theilen zu können. Und jetzt begann ſie ihn nach Herzensluſt auszufragen.

Betreten und voller Entzücken antwortete Günther kaum. Seine Liebe machte ihn beklommen. Zum erſten Mal berührte er die Hand einer Frau; dieſes Glück ſtieg ihm in den Kopf und machte ihn unfähig, etwas Anderes zu fühlen. Er ſagte, er verſprach Alles, was ſie von ihm verlangte, ohne nur zu wiſſen, was er ſagte, was er verſprach; er ſchien den Verſtand verloren zu haben.

So kam er manchmal und dann täglich in das Thürmchen. Allmählig ward er kühner, er wagte ihr ſeine Liebe zu geſtehen; Irene ließ ihn reden und ver⸗

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